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| 20:51 Uhr

Erste deutschsprachige Biografie über Mordechai Gebirtig
Der unbekannte Superstar des jiddischen Folksongs

 Porträtfoto des jüdischen Dichters und Komponisten Mordechai Gebirtig (undatiert).Noch unter den unbarmherzigen Bedingungen im Krakauer Ghetto gab er den Unterdrueckten eine Stimme: Bis zu seiner Ermordung durch die Nazis am 4. Juni 1942 schrieb Mordechai Gebirtig jiddische Lieder.
Porträtfoto des jüdischen Dichters und Komponisten Mordechai Gebirtig (undatiert).Noch unter den unbarmherzigen Bedingungen im Krakauer Ghetto gab er den Unterdrueckten eine Stimme: Bis zu seiner Ermordung durch die Nazis am 4. Juni 1942 schrieb Mordechai Gebirtig jiddische Lieder. FOTO: epd / homunculus verlag
Frankfurt a.M.. Heute ist er nahezu unbekannt: Mordechai Gebirtig hat bis zu seiner Ermordung zahlreiche jiddische Lieder und Stücke geschrieben. Jetzt ist eine Biografie über den Künstler, der von den Nazis ermordet wurde, erschienen. Von Holger Spierig

Noch unter den unbarmherzigen Bedingungen im Krakauer Ghetto gab er den Unterdrückten eine Stimme: Bis zu seiner Ermordung am 4. Juni 1942 schrieb Mordechai Gebirtig jiddische Lieder. Seine Stücke waren auf Bühnen in Polen, aber auch in den USA und Israel erfolgreich. Doch der Dichter, den nur wenige kannten, blieb arm. Experten der jüdischen Kultur machen sich für eine Wiederentdeckung des „Vaters des jiddischen Liedes“ stark.

 Das Grab des juedischen Dichters und Komponisten Mordechai Gebirtig auf dem neuen juedischen Friedhof in Krakau.
Das Grab des juedischen Dichters und Komponisten Mordechai Gebirtig auf dem neuen juedischen Friedhof in Krakau. FOTO: epd / Uwe von Seltmann

Recherchen in den USA, Israel und Polen

Obwohl sich seine Lieder seit den 20er-Jahren in der gesamten jüdischen Welt verbreitet hätten, sei Gebirtig ein „unbekannter Superstar“, sagt der Autor des ersten deutschsprachigen Buches über Gebirtig, Uwe von Seltmann. Für Seltmann steht Gebirtig in der Tradition von Singer-Songwritern wie Woody Guthrie, dem jungen Bob Dylan oder Hannes Wader.

Für sein Buch „Es brennt – Mordechai Gebirtig. Vater des jiddischen Liedes“ hat er über eine Zeit von vier Jahren unter anderem in Archiven in Israel, den USA und in Polen recherchiert. In dem Werk sind zahlreiche Dichtungen Gebirtigs erstmals in die deutsche Sprache übersetzt.

Melodien mit Volksliedcharakter

Viele seiner Stücke seien zu Volksliedern geworden, ohne dass der Verfasser immer bekannt gewesen wäre, sagte der Baseler Historiker Heiko Haumann dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Gebirtigs Bedeutung für die jiddische Kultur kann gar nicht überschätzt werden“, erklärt Haumann, Autor des Standardwerkes „Geschichte der Ostjuden“.

Das renommierte US-amerikanische Milken-Archiv über jüdische Musik nennt Gebirtig einen „Titan der jüdischen Volksmusik“ und bezeichnet ihn gar als den „wichtigsten, meistgesungenen, fruchtbarsten und berühmtesten Komponisten seiner Zeit - und vielleicht aller Zeiten“. Zu Klassikern geworden sind Lieder wie „Avreml der Marvikher“ (Avreml, der Halunke) oder „kinder-yorn“ (Kinderjahre). Einige seiner Werke gehören auch heute zum Repertoire von Musikern wie Daniel Kahn oder Wolf Biermann.

Ein Prophet des Naziterrors

In seinem wohl bekanntesten Stück „Es brennt“ erwies sich Gebirtig als Prophet des späteren Nazi-Terrors: „Und ihr steht und guckt und gafft nur, mit verschränkten Händ/und ihr steht und gafft nur, unser Städtchen brennt“, heißt es in dem vermutlich bereits 1936 entstandenen Lied. Anlass waren Pogrome gegen Juden in der nahe Warschau gelegenen polnischen Kleinstadt Przytyk. Laut Seltmann wurde es später in Ghettos und Lagern gesungen, unter jüdischen Widerstandskämpfern und Partisanen sei es zu einer Art Hymne geworden.

Der Tischler und Dichter Mordechai Gebirtig, der tagsüber an Möbeln und abends am jüdischen Lied hobelte, hat 168 Lieder und Gedichte hinterlassen. Sie erschienen in Liedersammlungen sowie in jüdischen Zeitungen und Zeitschriften in Krakau und New York. Die Spannbreite reicht von sozialrevolutionären Arbeitersongs über Liebeslieder und Kindergedichte bis hin zum philosophischen Ringen mit Gott und der religiösen Tradition.

Aktiv im jüdischen Arbeiterbund

Der vermutlich am 5. März 1877 geborene Künstler lebte, ohne die Stadt Krakau zu verlassen, in drei Staatsgebilden: in der österreichisch-ungarischen Monarchie, in der von 1918 bis 1939 wiedererstandenen polnischen Republik und schließlich bis zu seiner Ermordung unter deutscher Besatzung.

Aufgewachsen in einer jüdischen Tagelöhner- und Kleinhändlerfamilie im Krakauer Judenviertel Kazimierz entschied sich Gebirtig gegen die strenggläubige Tradition seiner Eltern. Er war aktiv im jüdischen Arbeiterbund und Gast in literarischen und künstlerischen Gesellschaften Krakaus, wo er seine neuen Lieder vortrug.

„Arm wie das jüdische Leben selbst“

Etliche Besucher waren entsetzt von den ärmlichen Verhältnissen, in denen der Liederdichter in seiner dunklen Ein-Zimmer-Wohnung wohnte. „Vor mir sitzt, arm wie das jüdische Leben selbst, ein wahrer, gottbegnadeter Künstler“, schrieb der polnische Journalist Jozef Finkelsztejn im Jahr 1936. Mit seiner Möbelwerkstatt konnte Gebirtig seine Familie kaum ernähren.

„Meine Lieder sind auf vielen Lippen“, sagte Gebirtig dem Journalisten. Künstler verdienten viel Geld mit ihnen, in Amerika verkauften sich sogar Tausende Schallplatten mit den Liedern. „Aber mir ist es oft beschert, dass ich ohne einen Groschen bin - ich habe kein kaufmännisches Talent.“ Doch das mache nichts, setzte er hinzu: „Ich bin dem Schicksal dankbar dafür, dass ich in meinen Versen und Melodien meine Gedanken und Sehnsüchte, meine Freuden und Sorgen ausdrücken kann.“

Notizbücher wurden von Freunden gerettet

Im Dezember 1940 musste Gebirtig die Wohnung in Kazimierz verlassen, 1942 wurde er mit seiner Frau und zweien seiner drei Töchter in das abgeriegelte Krakauer Ghetto eingewiesen. Ende Mai bereiteten deutsche Soldaten eine großangelegte Deportation vor. Die Krakauer Juden mussten sich in Kolonnen aufstellen, bevor sie zu den wartenden Viehwaggons getrieben wurden. Noch auf dem Weg wurde Gebirtig von einem Soldaten erschossen. Auch Gebirtigs Frau und Töchter haben die Nazi-Gräuel nicht überlebt.

Als die Familie erkannte, dass es keinen Ausweg mehr geben würde, gelang es den Töchtern noch, die Notizbücher ihres Vaters Freunden jenseits des Ghettos zuzustecken. Diese Lieder und Skizzen aus dem Ghetto sollten das wenige der Familie Gebirtig bleiben, das dem Vernichtungswerk der Nationalsozialisten entging.