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| 18:03 Uhr

Kultur
„Bilderbücher sind eine universelle Sprache“

Zum fünften Mal laden Oliver Spatz (l.) und seine Mitstreiter zum Internationalen Bilderbuchfestival „Das Düstere und das Heitere“ ein. Zu den Gästen zählte auch der russische Künstler Stas Azarow. Spatz organisiert seit Jahren Kulturprojekte in der Grenzregion, zum Beispiel den Kulturzug Berlin-Breslau.
Zum fünften Mal laden Oliver Spatz (l.) und seine Mitstreiter zum Internationalen Bilderbuchfestival „Das Düstere und das Heitere“ ein. Zu den Gästen zählte auch der russische Künstler Stas Azarow. Spatz organisiert seit Jahren Kulturprojekte in der Grenzregion, zum Beispiel den Kulturzug Berlin-Breslau. FOTO: ADAM CZERNENKO
Cottbus. Das Internationale Bilderbuchfestival kommt erstmals in die Lausitz –  sein künstlerischer Leiter  spricht über Geschichte und Pläne. Verena Ufer

Mehr als 30 Workshops, Ausstellungen, Gespräche und andere Veranstaltungen stehen auf dem Programm des 5. Internationalen Bilderbuchfestivals „Das Düstere und das Heitere“, das am Montag in Müncheberg (Märkisch-Oderland) eröffnet wird. Weitere Veranstaltungsorte sind Buckow, Frankfurt (Oder), Zielona Gora, Gorzow – und erstmals Cottbus. Die RUNDSCHAU sprach mit Oliver Spatz, einem der künstlerischen Leiter und Mitbegründer.

Herr Spatz, im Cottbuser Landesmuseum für moderne Kunst freut man sich auf die Premiere. Wie ist das Festival entstanden?

Spatz Eigentlich war es als einmaliges  Projekt geplant. Wir haben Themen gesucht, bei denen sich deutsche und polnische Künstler auf Augenhöhe begegnen, und fanden das im Bilderbuch. Denn in diesem Genre gibt es auf beiden Seiten der Oder eine lange und lebendige Tradition. Polnische Bilderbücher sind bis heute die innovativsten in Europa. Der deutsche Markt ist einer der interessantesten, weil auch der kritischsten. Also haben wir überlegt, wie man gebündelt herausragende Beispiele zeitgenössischer illustrierter Kinder- und Jugendbücher zeigen kann. Inzwischen schauen wir auch in andere Länder mit einer vielfältigen Bilderbuch-Tradition, aus denen wir Gäste zu unseren Veranstaltungen einladen – zum Beispiel nach Litauen.

Gibt es viele Unterschiede?

Spatz Nicht nur Illustrationsstile unterscheiden sich von Land zu Land. Sondern auch die damit verknüpften Bilder. Auf Fragen wie „Was heißt es, Kind oder Eltern zu sein?; Was ist Bildung?“ und viele mehr, gibt es sehr unterschiedliche Antworten. Diese Literatur eröffnet einen Blick auf kulturelle und moralische Werte. Das wollen wir zeigen.

Wer ist wir?

Spatz Entwickelt und kuratiert habe ich das Festival gemeinsam mit der Kunsthistorikerin und Buchhändlerin Sarah Wildeisen, die viele Jahre als Kinderbuchkorrespondentin neue Werke vorgestellt hat und eine profunde Kennerin der Szene ist. Ich komme vom Theater und steuere das Know-how bei, wie man aus Bildern eine Aufführung gestalten kann. Das ist unsere Art, Bücher zu präsentieren. Wir laden jedes Jahr Schauspieler, Sänger und Musiker ein, die Bücher auf ihre spezielle Art lebendig machen.

Wie kam das Festival ins kleine Müncheberg? Der Förderverein der Stadtkirche ist Veranstalter.

Spatz Seit ungefähr zehn Jahren organisiere ich Kulturprojekte in der Grenzregion. Für mich ist das einer der wichtigsten Orte in Europa, weil diese Grenze bis heute noch sehr stark die Traumata des 20. Jahrhunderts aushalten muss. Es gibt hier rund um Müncheberg viel Idealismus. Die Region ist unser Trumpf, weil sie noch unbekannt und sehr schön ist, weil Begegnungen sehr intensiv sind. Auch deshalb kommen jedes Jahr echte Spitzenkünstler gern zu uns.

Hat sich der Förderverein um das Festival gegründet?

Spatz Nein, es gab ihn schon vorher. Aber die Kirche, die vor 20 Jahren aus einer Ruine wiederaufgebaut wurde, war von Anfang an unser Festivalzentrum. Seit der zweiten Auflage agiert der Förderverein als Veranstalter. Wir sind sein größtes Projekt. Die sehr persönliche, familiäre Atmosphäre gefällt unseren Gästen. Aber natürlich gibt es jetzt – im fünften Jahr – schon auch Überlegungen, das Festival zu verstetigen und auf eine breitere Basis zu stellen. Vielleicht wird ja in ein paar Jahren mal eine Brandenburger Bilderbuchstiftung ins Leben gerufen . . .

Das Festival unterstützt auch junge Künstler aus Osteuropa?

Spatz Wir gestalten Workshops, in diesem Jahr etwa mit Jutta Bauer, einer Größe dieses Faches. Junge Künstler aus der Ukraine, Russland, Georgien und Litauen kommen auch zu uns, weil sie in ihren Heimatländern teilweise nicht so gute Ausbildungsmöglichkeiten haben wie in Deutschland und in Polen.

Eine Stiftung, ein Festival, Fortbildung für den Nachwuchs, große Pläne – warum haben Bilderbücher für Sie eine so große Bedeutung?

Spatz Diese Werke sind eine Art universelle Sprache, die es schafft, Menschen in einen Dialog zu bringen, die eigentlich durch Sprache getrennt sind. Denn sie brauchen wenige oder gar keine Worte. Das ist an der deutsch-polnischen, aber auch an anderen Grenzen von besonderer Bedeutung.

Für Kinder ist das Bilderbuch oft der erste Schritt zum Lesen . . .

Spatz Stimmt, aber wir wollen jede Altersgruppe ansprechen. Unser ältester Gast dieses Jahr ist 87. Wir machen Angebote an Eltern, an Bibliothekare, Pädagogen, Politiker. Denn es gibt spannende gesellschaftliche Fragen zu diskutieren. Was ist zumutbar für Kinder, was können Kinder durch Bücher lernen? Das wird im Bilderbuch plastisch verhandelt. Interessant ist der Vergleich mit Polen. Dort stehen öfter als hierzulande traurige Themen wie Krieg und Krankheit im Mittelpunkt.

Deshalb auch der Festivaltitel „Das Düstere und das Heitere“?

Spatz Ja, und er schlägt ebenfalls eine Brücke nach Müncheberg. Hier in der Gegend war das letzte große Schlachtfeld im Zweiten Weltkrieg. Hier sind auch viele Kinder und Jugendliche gestorben oder haben ihre Eltern verloren. Kindsein ist nicht immer nur eitel Sonnenschein. Aber es gibt natürlich die ungetrübte Lebenslust, das Heitere in den Bilderbüchern.

Aus dem deutsch-polnischen Oder-Grenzland geht es in diesem Jahr das erste Mal in die Lausitz, nach Cottbus. Wird sich das Festival künftig weiter ausdehnen?

Spatz Das Museum in Cottbus ist ein tolles Haus für das Bilderbuchfestival. Weil hier nicht nur große Werke und Künstler Raum haben, sondern gerade auch Kunstvermittlung und künstlerisches Arbeiten viel Platz haben. Es gibt zum Beispiel fantastische Ateliers, wo Kinder und Jugendliche angeleitet werden, zu malen und zu zeichnen. Die geografische Lage ist für das Festival nicht entscheidend, sondern die Aufnahme und die gegenseitige Neugier. Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit und kommen mit einem tollen Künstler, Józef Wilkon, nach Cottbus. Der Großmeister der polnischen Illustratoren bringt ein  ganz neues Buch mit, in dem er sich  humorvoll mit Digitalisierung und Physik auseinandersetzt. Es handelt von einem rebellischen „Elektron“.

Mit Oliver Spatz
sprach Verena Ufer


www.bilderbuchfestival.de