ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 18:18 Uhr

Adam Gusowski vom Club der Polnischen Versager bilanziert PPD-Projekt
„Ich vermisse die Partei schon heute“

 Adam Gusowksi ist Radiojournalist, Autor und Satiriker.
Adam Gusowksi ist Radiojournalist, Autor und Satiriker. FOTO: Darek Gontarski
Cottbus/Berlin. Vor einem Jahr erklärte Adam Gusowski, Mitbegründer der Clubs der Polnischen Versager, im RUNDSCHAU-Interview, was es mit diesem Demokratieprojekt, wie er sagt, auf sich hat. „Das Bildungsprojekt Partei gibt uns die Möglichkeit, praktisch mit Demokratie umzugehen, zu lernen, wie sie funktioniert“, erklärte er damals. Expertenrunden, Satire-Shows, Stammtische kündigte er in dem Dialog über deutsch polnische Befindlichkeiten an.  Nach einem Jahr ist nun Schluss. Was bleibt, und was bringt die Zukunft?  Adam Gusowski hat mit der RUNDSCHAU  zurück und in die Zukunft geblickt. Von Verena Ufer

Genau vor einem Jahr erklärte Adam Gusowski, Mitbegründer der Clubs der Polnischen Versager, im RUNDSCHAU-Interview, was es mit diesem Demokratieprojekt, wie er sagt, auf sich hat. „Das Bildungsprojekt Partei gibt uns die Möglichkeit, praktisch mit Demokratie umzugehen, zu lernen, wie sie funktioniert“, erklärte er damals. Expertenrunden, Satire-Shows, Stammtische kündigte er in dem Dialog über deutsch polnische Befindlichkeiten an. Nach einem Jahr ist nun Schluss. Was bleibt, und was bringt die Zukunft? Adam Gusowski hat mit der RUNDSCHAU zurück und nach vorn geblickt.

Herr Gusowski, Sie haben das Projekt „Polnische Partei Deutschlands“ (PPD) ja so lebendig auf der Website dokumentiert, dass es Spaß macht, darauf herumzustöbern.

Gusowski Es gab viel Unruhe im Vorfeld. Was haben die Versager vor? Da war es mir wichtig, alles transparent darzustellen. Was wir live gemacht haben, kann man immer noch auf der Website nachvollziehen. Expertenrunden, Satire-Shows. Wir waren auch mutig!

Club der Polnischen Versager mit Parteiambitionten FOTO: Darek Gontarski

Mutig, wieso das?

 Der Club der Polnischen Versager in Berlin.
Der Club der Polnischen Versager in Berlin. FOTO: Darek Gontarski

Gusowski Na ja, der Club der Polnischen Versager, unsere Parteizentrale, ist nicht groß. Und das kann Politiker schon verleiten, etwas lockerer zu plaudern als vor einem großen Auditorium. Wir haben im Vorfeld mit allen Gästen gesprochen, ob sie einverstanden sind, dass live übertragen wird. Wenn ein klares Ja kam, ist es live auf Facebook gegangen.

Und wie viele Zuschauer haben Sie erreicht?

 Gründungspressekonferenz vor einem Jahr. Der Parteiplan der Polnischen Versager sorgte für Aufregung.
Gründungspressekonferenz vor einem Jahr. Der Parteiplan der Polnischen Versager sorgte für Aufregung. FOTO: dpa / Gregor Fischer

Gusowski Im Schnitt hatten wir 1000 bis 1500 live im Netz. Leider können wir nicht nachzählen, wie viele es sich auf der Website angeschaut haben, aber wir konnten zumindest die Aktivitäten sehen. Und wenn man das hochrechnet, kommt man nochmal auf die selben Zahlen.

Eine ganze Menge. Potenzial für eine neue Partei?

Gusowski Vorerst wird es keine geben. Während des Projektes hat sich ein Kern von an die 20 Leuten gebildet, die sich besonders stark engagiert, mitgestaltet haben. Mit ihnen wollen wir einen Verein gründen, der außerhalb des Clubs agiert und sich eine eigene Plattform aufbaut.

Der könnte dann wie heißen?

Gusowski Bund der europäischen Polen oder Polnischer Europäer. das wissen wir noch nicht genau. Es gab noch kein Gründungstreffen. Aber in diese Richtung wird es gehen. Pro-europäisch und mit polnischem Hintergrund soll der Verein sein, weil wir uns auf diese unsere Kernkompetenzen fokussieren wollen.

Ein Verein nur für Polen in Deutschland?

Gusowski Nein, jeder ist wie bei der PPD herzlich eingeladen, mitzumachen. Das „Polnische“ soll verdeutlichen, wo wir herkommen. Wir wollen unser Wissen, unsere Erfahrungen, einbringen. Außerdem hoffen wir, noch viel mehr Polen anzusprechen als bisher. Denn es gibt viele pro-europäische Polen in Deutschland und der EU. Vielleicht schaffen wir sogar – mit Blick auch in andere Länder – etwas Neues auf die Beine zu stellen. Aber wir müssen erst abwarten, wie stark wir letztlich sein werden.

Geht es auch darum, die Polen in Deutschland sichtbarer zu machen?

Gusowski Das Thema wurde in jüngster Zeit breit diskutiert. Befördert durch zwei gute und wichtige Bücher: „Wir Unsichtbaren“ von Peter Oliver Loew und Emilia Smechowskis „Wir Strebermigranten“. Die zeigen, dass wir vielleicht etwas mehr hätten auffallen können. Die These von der Unsichtbarkeit ist nicht falsch, hinkt aber auch ein bisschen.

Warum?

Gusowski Wir sind da! Nur fehlte uns in der jüngsten Vergangenheit etwas die Tube, der Verstärker. Zwar gibt es den Bund der Exilpolen und weitere Polonia-Verbände. Sie vertreten aber sehr unterschiedliche Interessen. In ihren Gremien gibt es immer wieder Auseinandersetzungen. Mir persönlich fehlt bei ihnen vor allem die Anerkennung für die vielen kleinen deutsch-polnischen Vereine und Initiativen in der Grenzregion, die sich für gute Beziehungen engagieren. Unsere Erfahrung ist, dass sich viele Polen von den Verbänden distanzieren und so ohne Stimme dastehen. Wir hoffen, dass ein neuer Verein eine Kommunikationsplattform für Polen in Deutschland und für die polnische Community mit der deutschen Gesellschaft sein kann.

Dafür wird es viele Unterstützer brauchen. Wie ist das PPD-Projekt angenommen worden?

Gusowski Am Jahresende hatten wir immer noch 2000 Newsletter-Abonnenten, die sich regelmäßig über das Projekt informiert haben und wissen wollen, wie es weitergeht. 100 Leute deutschlandweit sind ständig mit uns in der Diskussion. Und dann gibt es noch einen Kern von rund 20 Mitstreitern, die bei allen Veranstaltungen dabei waren und auch Aufgaben übernommen haben.

Und der Besuch bei den Veranstaltungen insgesamt ...

Gusowski Der Club war immer komplett ausgebucht. Es passen so 70 Leute rein. Damit um die 100 kommen konnten, haben wir Bierbänke reingestellt. Und wir sind wirklich sehr stolz, dass es uns gelungen ist, so interessante Gäste zu gewinnen, Politiker und Politik-Beobachter – und das für so einen vergleichsweise kleinen Rahmen!

Was waren Ihre Highlights?

Gusowski Es gab sehr, sehr viele. Von den Politikern fand ich Gesine Schwan besonders stark. Parteistrukturen war ihr Thema. Es ging um die Aufgabenverteilung, Befugnisse der Gremien. Und wir haben über politische Ethik geredet – ein Hauptthema von Frau Schwan. Mit ihren ehrlichen, persönlichen Worten hat sie uns viel Mut und Kraft gegeben. Auch der Auftritt des Politikwissenschaftlers Albrecht von Lucke war inspirierend, weil er uns Einblicke in die Mechanismen der Bundespolitik ermöglicht hat. Der Journalist Robin Alexander („Welt“, „Welt am Sonntag“) riet uns zum Beispiel, eher keine Partei zu gründen, sondern uns in größeren Parteien zu engagieren, um schneller etwas zu erreichen als in kleinen Splitterparteien. Und Hans-Ulrich Jörges („Stern“) erläuterte, dass man sich auch gut lokalpolitisch engagieren kann, wenn man nicht Mitglied einer Partei ist. Sein Thema waren Parteiaffären, die berühmten „Leichen im Keller “ – da hatte er auch Spannendes zu berichten. Der Schatzmeister der SPD, Dietmar Nietan, sprach über Parteifinanzen, wie sie aufgebaut sind, kontrolliert werden und wie das mit den Spenden funktioniert. Über Schwarze Kassen wollte er nicht reden.

Sie klingen begeistert!

Gusowski Bin ich auch, diese Treffen mit klugen, interessanten Leuten, die man eigentlich nur aus dem Fernsehen kennt, sind gut angekommen. Das waren besondere Erlebnisse für alle Beteiligten. Viele haben die Chance genutzt, mit Politikern und Journalisten zu diskutieren.

Es gibt also Redebedarf!

Gusowski Auf jeden Fall. Als wir das Konzept für das Projekt schrieben, hatten wir bereits eine mögliche Übertragbarkeit auf Schulen und andere Einrichtungen oder Vereine im Blick. Jetzt sind wir überzeugt, dass dieses politische Bildungsprojekt gut auch woanders über die Bühne gehen kann.

Vor einem Jahr waren Sie im Interview doch recht sicher, dass eine Parteineugründung nötig wäre, um etwas zu erreichen. Und heute?

Gusowski Stimmt, ich war überzeugt, dass in der politischen Vielfalt die Kraft liegt. Aber dann haben uns Alexander Robin und andere Gäste überzeugt, dass man Vielfalt durchaus in den vorhandenen Parteien finden und auch mitgestalten kann. Zudem gibt es außerhalb von Parteien viele Möglichkeiten, sich zu engagieren.

Jetzt heißt es Abschied nehmen vom PPD-Projekt . . .

Gusowski Leider. Viele haben in dem vergangenen Jahr viel gelernt. Auch ich. Und ehrlich: Ich vermisse die PPD jetzt schon. Vielleicht schaffen wir ja sogar in nicht allzuferner Zukunft nochmal eine Fortsetzung.