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| 13:30 Uhr

Aufklärung erstes Ergebnis eines deutsch-polnischen Expertenteams
Verurteilte Autoschieber gehen in  Berufung

Verurteilt, aber bisher auf freiem Fuß: drei der Angeklagten des Autoschieberprozesses in Zielona Gòra.
Verurteilt, aber bisher auf freiem Fuß: drei der Angeklagten des Autoschieberprozesses in Zielona Gòra. FOTO: Piotr Jedzura
Zielona Góra. Nach dreijährigen Verhandlungen waren im Januar 21 Mitglieder einer polnischen Bande verurteilt worden, die von 2010 bis 2014 mehr als 150 Autodiebstähle vorwiegend in Brandenburg verübt hatte. Zehn Monate später haben neun Hauptverurteilte Berufung gegen ihre Strafen eingelegt. Von Dietrich Schröder

  „Eigentlich war die Sache für mich längst gestorben.“ Der Strausberger Rechtsanwalt Jens Mader staunte nicht schlecht, als er vor wenigen Tagen zwei dicke Briefe vom Bezirksgericht im polnischen Zielona Góra erhielt. Darin befanden sich Einsprüche, die die Anwälte von neun verurteilten Autodieben gegen deren Strafen eingelegt haben.

Der spektakuläre Mammut-Prozess war überhaupt erst zustande gekommen, weil Ermittler des Landeskriminalamts Brandenburg vor sechs Jahren einer polnischen Bande auf die Spur gekommen waren, die seit 2010 hierzulande Dutzende Autodiebstähle verübt hatte und deren Spuren alle in die Gegend von Zielona Góra führten. Um die Tatverdächtigen wirksamer verfolgen zu können, war 2013 das erste gemeinsame „Joint Investigation Team“ mit polnischen Kriminalisten und Staatsanwälten gebildet worden. Die Vorbereitungen dafür hatten selbst ein Jahr gedauert.

Nach zum großen Teil verdeckten Ermittlungen  – dem Abhören von Telefonaten, der Observierung folgender Taten  und gemeinsamer Verhaftungen und Verhöre – lagen ein Jahr später mehr als 5000 Seiten Ermittlungsakten vor. Deren Übersetzung kostete allein 15 000 Euro. Ein besonderer Erfolg bestand darin, dass der Hauptverdächtige Eugeniusz Sz. im August 2014 in den Niederlanden mithilfe eines europäischen Haftbefehls festgenommen werden konnte.

Doch der Prozess, der im Februar 2015 in Zielona Góra begann, sollte zum Teil groteske Züge annehmen. Schon zum Auftakt fehlten fünf Angeklagte. Spätere Termine platzten wegen der Veränderungen der polnischen Strafprozessordnung, Erkrankungen des Richters oder der Angeklagten sowie weiterer Pannen. Um den Prozess zu verzögern, bestanden die Verteidiger auf dem Erscheinen Brandenburger Ermittler im Zeugenstand, was im Sommer 2016 erfolgte. Die meisten Angeklagten blieben während der gesamten Verhandlungszeit  auf freiem Fuß.

Als dann am 26. Januar dieses Jahres endlich die Urteile verkündet wurden, vermeldete das Brandenburger Polizeipräsidium dies als großen Erfolg. Eugeniusz Sz. wurde zu acht Jahren Freiheitsstrafe und 30 000 Zloty (etwa 7200 Euro) Geld­strafe verurteilt. Zehn weitere Angeklagte zu Haftstrafen zwischen fünf Jahren sowie einem Jahr und sechs Monaten, die anderen zehn blieben auf Bewährung frei.

Der Strausberger Anwalt Jens Mader war in den Prozess einbezogen, weil er einen Mandanten aus Müncheberg vertrat, dem 2013 sein Skoda gestohlen worden war. Als Mader jetzt die Briefe aus Zielona Góra öffnete, war er von den weiteren Verzögerungen überrascht. Denn das schriftliche Urteil war den Verurteilten erst im September zugestellt worden – acht Monate nach Ende der Verhandlung. „Eine ungewöhnliche Frist“, wie Mader meint. Er selbst habe das Urteil nie erhalten, dafür jetzt die Berufungsschreiben, „was auch irgendwie widersinnig ist“.

Noch überraschender sind jedoch die Begründungen, mit denen die Anwälte die Urteile kritisieren und niedrigere Strafen fordern. „Mein Mandant war zur Strafzeit erst 19 Jahre alt. Inzwischen sind sechs Jahre vergangen und er hat eine positive Entwicklung genommen“, argumentiert der Anwalt von Kamil G., der wegen 13 Diebstählen zu zwei Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt wurde. Dass sein Mandant bei den Autoaufbrüchen „nur abseits darauf achtete, ob die Polizei kam, und anschließend die Autos wegfuhr“, meint der Anwalt des zu vier Jahren und sechs Monaten verurteilten Zbigniew Z. Weitere Anwälte berufen sich auf „widersprüchliche Aussagen anderer Verurteilter“ oder „die Über- oder Falschinterpretation der Ermittlungsergebnisse durch die Kriminalisten“.

Der Anwalt des als Kopf der Bande  verurteilten Eugeniusz Sz. meint sogar, dass der Umstand, dass dieser zum Zeitpunkt seiner Verhaftung in Holland einen Job mit 2200 Euro Monatslohn hatte, „wovon er seine fünf und sechs Jahre alten Kinder in Polen ernährte“, zu seinen Gunsten sprechen müsse. Die gegen ihn verhängte Strafe von acht Jahren sei deshalb viel zu hoch.

Die Berufungsanträge müssen jetzt von einem höheren Gericht in Poznan beurteilt werden. Wie lange dies dauert, ist kaum vorhersagbar. Jens Mader prognostiziert, „dass es wohl zu einem Berufungsverfahren kommt“.