Ein Meer von weiß-roten Fahnen, patriotische Militärmärsche, anklagende Polemik gegen "die da oben" - Jaroslaw Kaczynski, Chef der nationalkonservativen polnischen Oppositionspartei Recht und Gerechtigkeit (Pis), weiß, wie er vor dem Superwahljahr 2015 seinen Anhängern einheizen kann. Nach den Kommunalwahlen, bei denen im November technische Probleme für tagelanges Rätselraten über die künftigen Machtverhältnisse sorgten, witterte er Manipulation und Wahlbetrug und rief zu Massenprotesten auf. Immerhin rund 30 000 Demonstranten waren dabei, als Kaczynski Mitte Dezember erklärte: "Heute ist der Beginn des Wandels."

Der Wandel, das soll der Wiedergewinn der Regierungsmehrheit bei der Parlamentswahl im Herbst sein, aber auch die Mehrheit bei der Präsidentenwahl im Mai. Die Pis-Anhänger hoffen auf Verhältnisse wie vor zehn Jahren, als Jaroslaw Kaczynski Regierungschef war und sein Zwillingsbruder Lech Staatspräsident. Es war eine turbulente Zeit mit viel Polemik auch im deutsch-polnischen Verhältnis: Die Kaczynski-Brüder waren von Misstrauen gegen den westlichen Nachbarn geprägt. Doch bei der vorgezogenen Parlamentswahl im Jahr 2007 unterlag Kaczynski dem liberalkonservativen Donald Tusk, der im Dezember als erster Vertreter der "neuen" EU-Länder Ratspräsident der Europäischen Union wurde. Lech Kaczynski kam 2010 bei einer Flugzeugkatastrophe über dem russischen Smolensk ums Leben, zusammen mit mehr als 90 Vertretern der politischen und militärischen Elite Polens. Der Verlust des Bruders und engsten politischen Mitarbeiters traf den Pis-Chef tief. Bis heute ist Kaczynski überzeugt, dass der Absturz ein Anschlag war.

Nach zwei Niederlagen gegen Tusk ist die Wahl im kommenden Jahr wohl die letzte echte Chance für den 65-Jährigen. Es gibt einiges, was Kaczynskis Hoffnungen auf einen Wahlgewinn Auftrieb geben könnte.

Da ist zum einen der Erfolg der Pis im zurückliegenden Jahr, die bei der Europawahl nahezu gleichauf mit Tusks Bürgerplattform (PO) lag. Auch bei den Kommunalwahlen lieferten sich beide Parteien ein Kopf-an-Kopf-Rennen, Prognosen hatten die Pis sogar vorn gesehen.

Kaczynski fühlte sich um den Sieg betrogen - 2015 will er endlich wieder triumphieren. Zum anderen ist da die Wankelmütigkeit der polnischen Wähler. Seit 1989 zeigten sie wenig andauerndes Vertrauen in eine Partei. Tusk war der erste Regierungschef, dem 2011 die Wiederwahl für eine zweite Amtszeit gelang. Wird seine Nachfolgerin Ewa Kopacz, seit September im Amt, bis zur Wahl genügend Vertrauen bei der Bevölkerung aufgebaut haben?

Lange war gerätselt worden, ob Kaczynski für das Präsidentenamt kandidieren oder sich ganz auf die Parlamentswahl konzentrieren würde. Im November kündigte er an, der Europaparlamentarier Andrzej Duda solle der Kandidat der Partei für das Präsidentenamt sein. Der Parteirat muss Duda noch bestätigen.

Der Verzicht auf eine Kandidatur Kaczynskis ist angesichts der glänzenden Umfragewerte des amtierenden Präsidenten Bronislaw Komorowski verständlich. Zwar lässt Komorowski eine Kandidatur für eine zweite Amtszeit noch offen - doch gegen den väterlich wirkenden Komorowski, dem mehr als die Hälfte der Polen vertraut, hätte derzeit kein anderer Kandidat eine ernstzunehmende Chance.