Als Gernhardt im Jahr 2004 den renommierten Heinrich-Heine-Preis erhielt, war dies so etwas wie der Ritterschlag für einen "kritischen Beobachter, Dichter und Karikaturisten der deutschen Zustände", wie es in der Jury-Begründung hieß.

Tatsächlich aber hatte es Jahre gebraucht, bis Gernhardt als ernstzunehmender Literat von einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommen wurde. Denn sein Werk entwickelte sich außerhalb des großen Kunst- und Kulturbetriebs, und die "Neue Frankfurter Schule" hatte ihm unauslöschlich in den 1970er-Jahren ihren Stempel aufgedrückt. Jene Gruppe um F.K. Waechter, F.W. Bernstein, Clodwig Poth oder Hans Traxler, mit denen er gemeinsam die Zeitschriften "Pardon" und "Titanic" herausgab. Dort ließ er Nonsens-Kalauer vom Stapel, absurden Humor - und vor allem politische Satire.

Doch der studierte Germanist und Maler, der in Tallinn (Estland) geboren wurde und 1964 nach Frankfurt am Main kam, konnte auch anders. Das zeigte er immer wieder in seinen insgesamt rund 40 Einzel- und Sammelbänden: "Alles Wirkliche ist nur - eine Laune der Natur", sinnierte er in seinen Aufzeichnungen aus der Toskana, die 2011 unter dem Titel "Toscana mia" herausgegeben wurden. Dort, im Lieblingsreiseland des deutschen Bildungsbürgertums der 1980er-Jahre, hielt sich der Hedonist Gernhardt vier Monate im Jahr auf, besaß in der Nähe von Arezzo ein Haus und ätzte über deutsche Touristen.

Von ihm gibt es keinen wirklich großen Roman, kein episches Gedicht, kein großformatiges Gemälde. Seine Kunst findet im Kleinen statt. In ihrer Mitte steht meist ein plötzliches Innehalten, und dann sieht sein Leser die Dinge schräg wie sie gerade sind - und wie sie kippen. Der Sinn verrutscht, schlägt in Unsinn um.

Am 30. Juni 2006 starb Robert Gernhardt an Krebs .