Das 3,5 Hektar große Gelände der ehemaligen Produktions-, Handels-, Dienstleistungs GmbH Prohadi in der Gemeinde Groß Düben unweit von Weißwasser (Niederschlesischer Oberlausitzkreis) bietet einen schrecklichen Anblick. Von Lager- und Betriebshallen sind nur noch die baulichen Hüllen vorhanden. Tore sind herausgebrochen, Fensterscheiben zertrümmert. Alles ist dem Verfall preisgegeben. Ungesichert stehen Ölfässer herum. Auf dem Betriebsgelände türmen sich zu Ballen gepresste Altstoffe. Unlängst floss Altöl aus Maschinen und Abscheidern in das Grundwasser. Die Feuerwehr musste eingreifen.

Gescheiterte Hoffnung
Dieter Lysk (60), einst Chef der Prohadi, weist jede Schuld an diesen Zuständen von sich. Seit Oktober 2000 hat er nämlich nicht mehr das Sagen auf seinem einstigen Betriebsgelände. Am 17. Oktober 2000 hatte er „vorsorglich“ Insolvenz angemeldet. Zwar hatte Prohadi nach Aussage von Lysk mit dem damaligen Sekundärrohstoffverwertungszentrum (SVZ) Schwarze Pumpe langfristige Verträge, doch es kam zu Schwierigkeiten. Prohadi geriet mit umgerechnet 180 000 Euro in die roten Zahlen. Arbeitnehmer, Finanzamt, Krankenkassen konnten nicht mehr bezahlt werden.
Trotz dieser vorübergehenden Schwierigkeiten war Lysk überzeugt davon, dass mithilfe eines Insolvenzverwalters fortgeführt werden könnte, was 1990 begann. Lysk übernahm das ehemalige Trockenwerk, an dem mehrere Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften (LPG) beteiligt waren, als Prohadi-Geschäftsführer und Gesellschafter. Schließlich kannte er als einstiger Betriebsleiter des Trockenwerkes jeden Winkel des Objektes. Außerdem blieben 25 Arbeitnehmer in Lohn und Brot.
Das ist Geschichte. Heute steht Lysk vor einem Desaster. Für ihn und seinen Rechtsanwalt Karl-Otto Jung sind die Schuldigen klar: Insolvenzverwalter Uwe Ludwig Ahlheidt und die sächsische Justiz, die ihn unkontrolliert und ungehindert habe schalten und walten lassen.
Seit sechs Jahren kämpft Lysk mit Ausdauer um sein Recht, das ihm seiner Meinung nach verwehrt wird, und gegen den „enormen Schaden“ , den der Insolvenzverwalter angerichtet habe. „Der wollte den Betrieb gar nicht weiterführen, sondern nur Geld herausziehen“ , behauptet er. Dieser Tage nun hatte Lysk Gläubiger, Abgeordnete des Bundestages und des NOL-Kreistages, die Kreisverwaltung sowie Bürger aus Groß Düben und benachbarten Gemeinden sowie Vertreter der sächsischen Justiz zu einem Vor-Ort-Termin eingeladen, um ihnen „die Spur des Vandalismus“ zu zeigen, die der Insolvenzverwalter hinterlassen habe. Aus Dresden aber erschien niemand: weder vom Insolvenzgericht noch von der Staatsanwaltschaft oder gar vom Justizministerium. Was Lysk nur in seiner Meinung bestärkt, „dass keiner an Aufklärung interessiert ist“ . Einzig Wirtschaftsminister Thomas Jurk (SPD) hatte sich im Vorfeld einige Stunden Zeit genommen, um sich die einstige Prohadi-Betriebsstätte anzuschauen und zu sehen, was aus ihr geworden ist. Seine Einschätzung gegenüber der RUNDSCHAU: „Ich bin entsetzt über den Zustand nach dem Insolvenzverfahren. Es ist ein ausgeschlachteter und nicht mehr erkenntlicher Betrieb zurückgeblieben.“
Dabei hätten gerade die Vertreter vom Insolvenzgericht, der Generalstaatsanwaltschaft und des Justizministeriums nach Überzeugung von Rechtsanwalt Jung bei der Begehung den „Bankrott des Insolvenzverfahrens“ erleben können. In einem Schriftsatz an das ebenfalls in die ganze Auseinandersetzung involvierte Landgericht Görlitz wird Jung sogar sarkastisch. „Staatsanwaltschaft und Insolvenzverwalter haben hier ein Kulturdenkmal der Insolvenzrechtspflege der Nachwendezeit geschaffen“ , heißt es. Es gebe kaum einen Ort, „an dem sich aktuell die Auswüchse der Rechtspraxis anschaulicher demonstrieren lassen“ , heißt es bei Jung weiter.
Die Justiz zeigt sich ob der Hartnäckigkeit von Lysk genervt. Das Ministerium verweist auf die Unabhängigkeit der Gerichte, weshalb es nicht eingreifen, die Entscheidungen auch nicht bewerten könne. Einen Anlass, die Tätigkeit der Staatsanwaltschaften im Rahmen der Dienstaufsicht zu überprüfen, gebe es nicht, verlautet aus dem Ministerium. Die Generalstaatsanwaltschaft wirft Lysk in der „Gesamtschau der Strafanzeigen, Beschwerden und sonstigen Eingaben“ sogar vor, dass er „Rechtsmissbrauch“ betreibe. Man werde zwar künftige Schriftstücke von ihm auf ihre Berechtigung überprüfen, sollten diese aber wiederum offensichtlich unbegründet sein, „werden Sie darüber weder von mir noch von anderen Staatsanwaltschaften des Landes eine Antwort erhalten“ , heißt es in einem Schreiben des Generalstaatsanwaltes vom März 2006.

Unterschiedliche Gutachten
Dabei lassen einige Merkwürdigkeiten in der Tat Zweifel an der Seriosität der Insolvenzabwicklung aufkommen. So behauptete Insolvenzverwalter Ahlheidt in einer Strafanzeige gegen Lysk, dass der Betrieb bereits drei Monate vor Anmeldung der Insolvenz, nämlich am 14. Ju-
li 2000, stillgelegt war. Dem widersprachen Ermittler des Landeskriminalamtes Sachsen. Der Betrieb sei sehr wohl bis zum 17. Oktober geführt worden. Mehr noch: Nach Überprüfung des Vertrages zwischen Prohadi und dem SVZ kamen die Experten des LKA zu dem Schluss: Aus gutachterlicher Sicht sei Prohadi „eine positive Fortbestehensprognose zu erteilen“ . Ein Überschuldungsstatus müsse deshalb nicht ermittelt werden.
Der Insolvenzverwalter war anderer Meinung. Eine von ihm beauftragte Münchener Wirtschaftsprüfungsgesellschaft errechnete eine Überschuldung von etwa 800 000 Euro. Der später vom Landgericht Görlitz beauftragte Gutachter kam dagegen auf „nur“ 380 000 Euro, der Sachverständige vom Oberlandesgericht legte sich auf knapp 130 000 Euro fest.
Der Insolvenzverwalter stellte Strafanzeige gegen Lysk wegen Bankrotts, Insolvenzverschleppung, Veruntreuung von Arbeitsentgelten sowie wegen Umweltstraftaten. Er blieb dabei unnachgiebig. Letztlich aber zerplatzten die Vorwürfe wie Seifenblasen. Diese Verfahren wurden eingestellt. Was blieb, war ein Verstoß gegen die Buchführungspflicht, die Ex-Geschäftsführer Lysk eine Geldstrafe von 40 Tagessätzen zu zehn Euro einbrachte.
Weniger konsequent dagegen sei vom Insolvenzverwalter die gerichtliche Auseinandersetzung mit dem SVZ betrieben worden, rügt Rechtsanwalt Jung. Trotz guter Erfolgschancen habe dieser zum Schaden der Gläubiger überraschend einen Rückzieher gemacht. Jung kommt zu dem Schluss: Es gab Fehler, die vor der Insolvenz gemacht wurden. Lysk sei nicht der geborene Kaufmann. „Ab der Insolvenz aber ist alles mutwillig platt gemacht worden, um Geld rauszuschlagen“ , so Jung. Es seien 300 000 Euro aus dem Verkauf von Maschinen, Anlagen, Schrott und anderen Materialien erzielt worden, so der Lysk-Anwalt. „Die Gläubiger, denen das Geld zusteht, haben davon nichts bekommen. Das haben sie nicht verdient“ , schimpft Jung. Auch dass die Abfälle seit sechs Jahren unberührt in der Gegend herumliegen, stört niemanden. Dabei ist der Insolvenzverwalter gesetzlich zur ordnungsgemäßen Entsorgung verpflichtet.

Liquidator per Post
Unlängst bekam Lysk wieder einmal Post vom Insolvenzverwalter. Im Postkasten fand er den Objektschlüssel und einen Brief. Versehen mit herzlichen Glückwünschen wurde Lysk als Liquidator des Geländes eingesetzt. „Das ausgeraubte Objekt lässt sich nicht mehr ohne immense Kosten vermarkten. Ich habe nicht mal eine Briefmarke für die Liquidierung mitbekommen“ , sagt Lysk, der das Ansinnen ablehnte. Auch im benachbarten Trebendorf ist niemand gut zu sprechen auf Insolvenzverwalter Ahlheidt, der dort die einstige LPG abgewickelt hat. Mit welchem finanziellen Ergebnis, weiß keiner. „Es hat nicht eine einzige Gläubigerversammlung gegeben“ , sagen Trebendorfer, die nicht genannt werden wollen. „Hinterlassen wurde nur blanker Vandalismus.“
Rechtsanwalt Uwe Ludwig Ahlheidt schweigt zu all diesen Vorwürfen. Telefonisch war er trotz vielfacher Versuche für die RUNDSCHAU nicht zu erreichen. Auch drei schriftliche Anfragen blieben bis gestern unbeantwortet.