Und von einer Minute zur anderen fehlt jede Spur von ihm. Wo ist mein Kind? Ist mein Sohn verletzt? Wurde meine Tochter entführt?

Es ist diese quälende Ungewissheit, die Angehörige innerlich auffrisst. "Das ist für die Familien meist schlimmer auszuhalten als traurige Gewissheit zu haben. Denn die Hoffnung stirbt zuletzt", sagt Stefan Baier, Landeskoordinator der Notfallseelsorge und Krisenintervention in Brandenburg. Die ehrenamtlichen Helfer betreuen Menschen und Familienangehörige nach emotional sehr belastenden Situationen, beispielsweise nach schweren Unfällen, beim Überbringen von Todesnachrichten und während der Suche nach vermissten Personen. Und davon gibt es viele. In Deutschland waren zum 1. Oktober 879 Kinder bis 13 Jahre vermisst. Allein in Sachsen sind es derzeit 41 Kinder bis 13 Jahre und 108 vermisste Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren. Ähnlich ist es in Brandenburg. Dort gibt es zwischen 200 bis 250 offene Vermisstenfälle - rund die Hälfte davon sind Minderjährige. Vor allem bei Jugendlichen handelt es sich jedoch meist um Dauerausreißer. Außerdem ändern sich die Zahlen täglich. Neue Kinder werden vermisst, andere tauchen wieder auf.

"Die meisten Fälle können in einer relativ kurzen Zeit aufgeklärt werden", sagt eine Sprecherin des Bundeskriminalamtes (BKA). Denn vor allem bei vermissten Kindern leitet die Polizei oftmals sofort große Suchaktionen ein. Dafür werden Hundertschaften der Bereitschaftspolizei sowie Helfer der Feuerwehr, des Deutschen Roten Kreuzes oder des Technischen Hilfswerkes hinzugezogen. So werden etwa ein Drittel der verschwundenen Kinder nach einer Woche gefunden, rund 80 Prozent der Fälle werden innerhalb eines Monats geklärt. Lediglich drei Prozent der vermissten Kinder sind länger als ein Jahr verschollen. Gerade solche Suchen zehren besonders an den Nerven der Familien. "Da ist der gesamte Strauß an Gefühlen dabei - von Trauer, Angst und Hilflosigkeit bis hin zu Wut gegenüber den Helfenden. Das ist aber legitim und ein Ausdruck tiefster Verzweiflung", sagt Stefan Baier. In solchen Fällen versucht die Notfallseelsorge, den emotionalen Ballast mitzutragen und die schlimme Zeit der Ungewissheit mit auszuhalten. "Das ändert zwar die Angst nicht, aber macht sie vielleicht ein bisschen kleiner", erklärt der Pfarrer.