| 02:40 Uhr

Plötzlich nicht mehr unsterblich

Seine Erkrankung empfindet er als Warnschuss. Jetzt organisiert er sein Leben neu: Andreas Kaden.
Seine Erkrankung empfindet er als Warnschuss. Jetzt organisiert er sein Leben neu: Andreas Kaden. FOTO: Kristina Kroemke
Ruhland/Pulsnitz. Ein gerissenes Aneurysma im Gehirn verändert das Leben eines jungen Lausitzers einschneidend. In der Reha der Helios-Klinik Schloss Pulsnitz findet er einen neuen Anfang. Kristina Kroemke und Ida Kretzschmar

"Man denkt immer: So etwas passiert nur den anderen", sagt Andreas Kaden nachdenklich. Dass der junge Mann sehr viel Glück hatte, wird ihm erst langsam bewusst.

Der Mittdreißiger, der in einem kleinen Ort nahe Ruhland zu Hause ist, arbeitete im Straßenbau und fühlte sich körperlich topfit. Dass sich seine Erkrankung bereits bemerkbar machte, wollte er nicht wahrhaben.

Bereits Wochen vor diesem verhängnisvollen Tag Anfang Dezember vergangenen Jahres verspürte er unerklärliche Panik. Er wusste einfach nicht, woher das kam. Aber die innere Unruhe pochte in ihm. Immer wieder begleiteten ihn Angstzustände gepaart mit Herzrasen, Schwitzen und Zittern. Dazu kamen starke Kopfschmerzen, die das Denken unmöglich machten und mit klassischen Kopfschmerzen nicht zu vergleichen waren.

Die üblichen Kopfschmerzmittel halfen nicht. Aber so plötzlich, wie die Kopfschmerzen kamen, verschwanden sie auch wieder.

Andreas Kaden schob es auf den Stress, der beruflich und privat auf ihm lastete. Und da nicht sein kann, was nicht sein darf, ging das Leben weiter.

Bis zum 2. Dezember 2016. Ein Freitag. Beim Fußballtraining überrollte ihn der Kopfschmerz förmlich. Dem jungen Mann wurde schwindlig und regelrecht übel. Der Kopf wurde heiß. Es fühlte sich an, als würde das Gehirn zerfließen.

Die Freunde reagierten und alarmierten den Rettungsdienst. Von da an stand für Andreas Kaden die Zeit still.

Im Krankenhaus in Senftenberg wurde die Diagnose gestellt - ein gerissenes Aneurysma, eine krankhafte, manchmal lebensgefährliche Aussackung eines Blutgefäßes, in der Regel einer Schlagader.

Zur Operation wurde er nach Cottbus verlegt. "Ich hatte keine Zeit, einen klaren Gedanken zu fassen oder gar Angst zu haben. Es ging alles so unglaublich schnell. Ich konnte mir kaum vergegenwärtigen, was ich habe, geschweige denn, was es bedeutet", sagt An dreas Kaden im Nachhinein.

In Cottbus konnte er die Diagnosestellung und die Operationsvorbereitung mitverfolgen. Mithilfe eines Kontrastmittels wurden die geschädigten Areale im Gehirn sichtbar. "Das war interessant, aber ich hatte immer das Gefühl, das bin nicht ich, um den es hier geht."

Die Operation überstand er recht gut. Beim zweiten Weckversuch sprach sein Körper schließlich an. Schnell konnte er von der Atemunterstützung befreit werden.

"Ich weiß noch, wie mich ständig jemand fragte, wer ich bin, wie alt ich bin und welcher Tag heute ist - ich empfand das als vollkommen albern", erinnert er sich.

Er war in der Lage, sich zu bewegen. Die Sprache kam langsam wieder. Wie viel Glück er hatte, wurde ihm erst bewusst, als ein Arzt ihm bescheinigte, dass es hätte auch ganz anders ausgehen können.

"Leider kann man das Glück nicht wirklich als Glück empfinden", meint Andreas Kaden Wochen später. "Vielmehr muss man einsehen, eben nicht ,unkaputtbar‘ zu sein. Man trägt nun eine gefühlte Sollbruchstelle im Kopf umher, und das verändert die gesamte Einstellung zum Leben."

Wer am Anfang des Lebens steht, denkt nur selten schon an das Ende. Dieses unbeschwerte Lebensgefühl ändert sich nach so einem Ereignis. Plötzlich ist man nicht mehr unsterblich.

Ein Thema auch bei der Reha. Für die Helios-Klinik in Pulsnitz entschied er sich, wegen der Nähe zu seinem Heimatort und vor allem auch wegen der familiären Atmosphäre. "Ich habe mich dort sehr wohlgefühlt. Die Therapeuten gaben ihr Bestes, und es machte Spaß, an sich zu arbeiten", erinnert er sich. Andreas Kaden kam mit Störungen des Gleichgewichts, reduzierter Kraft und leichten Sprach- und Wortfindungsstörungen nach Pulsnitz.

Daran orientierte sich auch sein Therapieplan. Schwerpunkt bildete dabei das Wiedererlangen der Kraft und des Gleichgewichts. Die Sprachtherapie war ein ebenso wichtiger Bestandteil der Rehabilitation. Die täglichen Therapien halfen ihm, Verlorengegangenes wiederzufinden und eigene Grenzen zu erfahren. Entspannungsübungen und die neuropsychologische Therapie zur Krankheitsbewältigung stärkten ihn, um, wie er sagt, seinen "zweiten Lebensabschnitt zu beginnen". Dabei weiß Kaden: "Ich habe gelernt, mehr auf mich zu achten, die Signale meines Körpers wahrzunehmen. Ich verstehe die Erkrankung als Warnschuss. Meine Aufgabe ist es jetzt, mich auch beruflich neu zu finden. Natürlich hat man Respekt vor dem, was kommt, aber vielleicht ist es auch eine Chance für etwas ganz Neues", sagte er Anfang des Jahres beim Abschied aus Pulsnitz voller Zuversicht.

Ein halbes Jahr später machen ihm noch immer bei schwülem Wetter Kopfschmerzen zu schaffen. Aber er ist froh, dass ihm keiner auf den ersten Blick ansieht, was er hinter sich hat, und er wieder fast ein ganz normales Leben führen kann. Im nächsten Jahr, so hofft er, könnte er vielleicht eine Umschulung beginnen.

www.lr-online.de/besonderer-fall

Das war die vorerst letzte Folge der Serie "Der besondere Fall". Im Herbst geht's weiter.

Zum Thema:
Wassergymnastik. Viele Rehazentren, aber auch Schwimmhallen und Freizeiteinrichtungen, in denen Wasser zur Verfügung steht, bieten Aqua-Gymnastik mit erfahrenen Trainern und Therapeuten an. Dabei geht es um die Erhöhung der Fitness, werden verschiedene Muskelgruppen intensiv angesprochen. Wobei Spaß oft wichtiger ist als Leistung. Beim sanften Training im Wasser werden Rücken und Gelenke geschont. Im brusthohen Wasser langlaufen, hochspringen, treten, joggen, strampeln, stretchen, balancieren und meditieren, mit dem Ball spielen, auf dem Brett turnen und Hanteln schwingen - dabei stellt sich auch ein Entspannungseffekt ein.