Die filigrane Kostbarkeit beginnt ihren Weg in die Welt auf dröhnenden Maschinen. Die Riesen rattern, sie stampfen und machen ein Gespräch so gut wie unmöglich. Stich für Stich bohren sich Nadeln tausendfach in den weißen Stoff und lassen kleine Blüten und Ranken entstehen. Die Augen von Cornelia Beczkowski wandern über die riesigen Stoffbahnen, damit ihre flinken Hände eingreifen können, wenn mal ein Faden reißt. Nur dann kann das Muster geschlossen abgearbeitet werden. Fehler signalisiert ein Bildschirm, über den violette und grüne Zahlen wandern. Sie scheinen angesichts der riesigen, langen Textilmaschinen unscheinbar, doch erfüllen sie ihren Zweck: Da piepst es, wenn etwas falsch läuft und ein Knopfdruck genügt, um die längsten Stickmaschinen der Welt stillstehen zu lassen.
Wer im sächsischen Vogtland nach Plauener Spitze fragt, wird vergebens nach einem Klöppelkissen suchen. Es ist eine zählebige Klischeevorstellung, dass die weltbekannte Plauener Spitze in Handarbeit entsteht. Auch der Geschäftsführer und Inhaber des Unternehmens C. R. Wittmann Nachfolger in Brockau bei Plauen, Arnfried Dietz, muss den Kopf schütteln. Nein, hier gibt es keine alten Frauen, die sich bei dunkler Nacht und Kerzenlicht über die Kissen beim Klöppeln beugen. „Plauener Spitze – das war und das ist zunächst technischer Fortschritt“, sagt Dietz nicht ohne Stolz.

Seit 1881 wird produziert
Das ist spätestens seit 1881 so. Damals war es dem Kaufmann Theodor Bickel, einem Mitinhaber der Plauener Stickereifirma Mammen, gelungen, maschinengestickte Tüllspitze herzustellen. Die technologische Weltneuheit wurde bald als Plauener Spitze bekannt. Noch heute wird in Plauen gern auf den 18. August 1900 verwiesen, als die feinen Spitzen aus dem Vogtland auf der Weltausstellung in Paris mit dem Grand Prix ausgezeichnet wurden.
Doch schon vor der Herstellung der Maschinenspitze war die Region um Plauen eng mit der Textilindus-trie verbunden: Im 15. und 16. Jahrhundert galt der Südwestzipfel Sachsens als Zentrum des Tuchmacherhandwerks und der Baumwollweber. Um 1780 gab es mit dem Niedergang dieses Gewerbes einen Wechsel: Kaufleute schickten feine indische Tuche nach Sachsen, um sie besticken zu lassen. Angaben von 1828 sprechen von 2000 Menschen, die sich mit der Handstickerei beschäftigen. Die Weißwarenindustrie war damit eine neue Haupterwerbsquelle für viele Familien. Nur wenig später wurden erste Versuche mit Handstickmaschinen unternommen. 1872 gab es 239 Betriebe mit 907 Stickmaschinen in der Region.
Den Kontrast zwischen gestern und heute kann der Besucher bei Dietz in Brockau nachvollziehen. Da stehen Stickereimaschinen, die mit 30 Metern zu den größten und modernsten auf der Welt gehören. „Diese Schweizer Fabrikate sind in dieser Größe nur viermal in Deutschland vertreten“, berichtet der Unternehmer.
Die modernen Maschinen sind dreimal so lang wie die alten, die gleich im Saal nebenan stehen. Diese alten gusseisernen Maschinen der Vogtländischen Maschinenfabrik AG (Vomag), deren Ölgeruch die Halle erfüllt, stammen noch aus der Gründerzeit der Firma aus den 20er-Jahren und werden wie in alten Zeiten von einem Lochstreifen gesteuert: Auf ihn hat der so genannte Puncher – to punch heißt im Englischen so viel wie schlagen oder lochen – die feinen Muster des Textilgestalters übertragen. Heute freilich löst der Computer den Lochstreifen ab.
Dietz ist wie viele seiner Kollegen zwar kein Neueinsteiger in der Branche, trotz seines Alters aber noch ein Jungunternehmer. Der quirlige Mann, der behauptet, jede Stickmaschine aus der DDR zu kennen, ist Stickmeister in der dritten Generation und seit 1978 im Betrieb. Als sich mit der Wende die Alteigentümer meldeten und sich nicht mit der Treuhandanstalt über die Reprivatisierung einigen konnten, besorgte sich der damals 48-Jährige einen Gewerbeschein, um den Betrieb für die Alteigentümer weiterzuführen.
„Das waren Gründerjahre der schwersten Art“, sagt Dietz. „Wegen der zunächst ungeklärten Eigentumsverhältnisse war das Gespräch bei den Banken meist nach einer Tasse Kaffee beendet.“ Trotzdem hatte er bis 1995 rund 30 neue Arbeitsplätze geschaffen – ohne eigene Maschinen, ohne Grund und Boden. Ende 1996 konnte Dietz dann nach Einigung zwischen Alteigentümern und der Treuhand-Nachfolgerin BvS Grundstück, Maschinen und Namen der Firma übernehmen.

Umstrukturierung abgeschlossen
Jürgen Fritzlar, Geschäftsführer des Branchenverbandes Plauener Spitze und Stickereien, kennt diese früheren Probleme allzu gut. Doch mittlerweile ist die Umstrukturierung der Branche beendet, die Spitze hat ihren Platz behauptet. Das Zentrum der deutschen Stickereiindustrie gibt in 120 Unternehmen 1200 Menschen Arbeit, vor allem in kleinen und mittelständischen Betrieben. „Die durchschnittliche Betriebsgröße liegt bei 20 Arbeitnehmern“, zitiert Fritzlar aus der Statistik. „Fünf Betriebe haben derzeit mehr als 50, einer mehr als 100 Mitarbeiter.“ Mehr als ein Viertel der Erzeugnisse geht ins Ausland, unter anderem in den Nahen Osten, nach Asien und Nordamerika.
Die Zahlen scheinen verschwindend gering gegenüber dem, was hier vor der Wende war. Das Kombinat Deko Plauen, das unter anderem die gesamte Spitzen- und Stickereiindustrie der Region umfasste, hatte 60 000 Beschäftigte in der Produktion von Gardinen, Teppichen, Posamenten und allen Arten von Heimtextilien. Größtes Unternehmen in der Erzeugnisgruppe Spitzen und Stickereien war der Volkseigene Betrieb (VEB) Plauener Spitze, wo allein in der Stickerei 3500 Beschäftigte arbeiteten. „Doch das ist nicht vergleichbar mit dem, was wir heute an hoher Produktivität und Kapazität haben“, gibt Fritzlar zu bedenken. Das ist nicht zuletzt dank der Investitionen in der Branche von rund 100 Millionen Euro so.
Auch der Kauf der beiden Großstickereimaschinen bei C. R. Wittmann Nachfolger in Brockau hat sich ausgezahlt. Der 50 Mitarbeiter zählende Betrieb läuft rund, wie Dietz sagt. Er investierte auch in eine 43-Meter-Halle, in der unter anderem ein Fabrikverkauf untergebracht ist. Seit einigen Jahren beschäftigt sich der Betrieb auch nicht mehr nur mit Lohnstickerei. Der „Vollstufenbetrieb“ hat mittlerweile eine eigene Kollektion Wittmann, die im Hause entwickelt, gepuncht und konfektioniert wird. Bei rund 1800 Fach- und Einzelhändlern zwischen Rostock und Stuttgart hängen bis zu 57 Musterschals. Dank einer neuen Lagerhalle kann das Unternehmen zumeist in 36 Stunden jede gewünschte Breite oder jedes gewünschte Design einer Gardine liefern.
Die derzeit schlechte Konjunktur bekommt jedoch auch die sächsische Textilindustrie zu spüren. „Plauener Spitze ist ein Luxusprodukt“, sagt der Geschäftsführer des Branchenverbandes Fritzlar. Neue Wege der Vermarktung sind gefragt. Beispiel dafür könnte ein Konzept sein, das der Verband zusammen mit dem Tourismusverband entwickelt hat. Touristen können sich in Betrieben auf einer „Spitzentour“ umsehen und mit eigenen Augen verfolgen, wie die textilen Kostbarkeiten entstehen. Bei C. R. Wittmann hielten seit Anfang 2002 mehr als 100 Busse.
Den Gästen zeigt der Chef nicht nur die handwerkliche Kunst der Stickerei, sondern auch mit fast verschwörerischem Blick den Schatz des Unternehmens – die vermutlich größte Spitzendecke der Welt. Das 2,40 Meter mal 2,70 Meter große Stück war 1941 für eine Bettdecke im niederländischen Königshaus bestimmt. Die Spitzendecke ist aus 1250 Einzelteilen zusammengesetzt und besteht aus vielen Millionen Stichen. Wegen der Kriegswirren wurde sie jedoch nie ausgeliefert.
Plauener Spitze ist seit den 80er-Jahren eine international und national geschützte Marke, die nur Unternehmen aus der Region verwenden dürfen. Derzeit haben rund 20 Betriebe aus dem Vogtland die Lizenz vom Branchenverband. Trotzdem gibt es zunehmend Schwierigkeiten mit Textilien aus anderen Ländern, denen fälschlicherweise das Etikett Plauener Spitze aufgeklebt wird. „Das Problem ist der Musterschutz“, sagt Geschäftsführer Fritzlar. Bei schätzungsweise jährlich 17 000 neuen Mustern aus dem Vogtland ist es schwierig, die schwarzen Schafe aus dem Ausland zu finden.
Mit Nachwuchsproblemen hat die Branche noch nicht zu kämpfen. Rund 60 Lehrlinge lernen in der gemeinsamen Ausbildungsstätte in Plauen den seltenen Beruf des Produktgestalters und des Schmucktextilienherstellers, früher Sticker genannt. Welche hohen Anforderungen ein künftiger Produktgestalter erfüllen muss, zeigt eine kleine Ausstellung mit Studien und Musterzeichnungen im Informations- und Designzentrum des Spitzenmuseums Plauen. Mit feinen Linien haben da junge Frauen und Männer Blüten und Bäume, Häuser oder technische Apparaturen gemalt. „Diese Kreativität ist es, die letzen Endes Plauener Spitze ausmacht“, sagt Fritzlar.