dessen Minister Dietmar Woidke (alle SPD) begleiteten, bereits am gedeckten Tisch saß, zog es Beck und Platzeck außerplanmäßig in die Blockwarte des Kraftwerks. Die Beiden sind den Leitstand aus ihrer Partei gewohnt. Der eine, Platzeck, hat ihn aus gesundheitlichen Gründen verlassen. Der andere, Beck, verharrt dort mit stoischer Pfälzer Ruhe.

Blick in die Zukunft
Die Sommerreise Becks gestern nach Südbrandenburg war jedoch weniger als Plausch über alte Parteichef-Zeiten zu verstehen, sondern sollte ein Blick in die Zukunft der Energieerzeugung sein. Am 9. September geht laut Vattenfall die erste Pilotanlage zur Abscheidung von Kohlenstoffdi oxid (CO 2 ) auf dem Areal in Schwarze Pumpe in Betrieb. „Wir investieren rund 70 Millionen Euro in diese Technik“ , sagte Reinhardt Hassa, Vorstandsvorsitzender von Vattenfall Europe Mi ning & Generation. Mit einem Verfahren namens „Oxyfuel“ soll mehr als 90 Prozent des anfallenden Kohlenstoffdi oxids abgeschieden, verflüssigt, verdichtet und unterirdisch eingelagert werden. Vattenfall ist Hassa zufolge der erste Konzern, der ein solches Projekt in dieser Größe plant. Der Zeitplan, den sich das Unternehmen gesetzt hat, ist vierstufig. Nach einer bestehenden Testanlage ist die Pilotanlage in Schwarze Pumpe mit 30 Megawatt Dampf ein Zwischenschritt zu weiteren Demonstrationsanlagen, die in den kommenden Jahren am Standort Jänschwalde (Spree-Neiße) gebaut werden sollen. Falls sich die Oxyfuel-Technik bewährt, will Vattenfall ab dem Jahr 2020 mit einem kommerziellen 1000-Megawatt-Kraftwerk auf den Markt kommen. So will der Konzern sein Ziel erreichen, bis zum Jahr 2020 den CO 2 -Ausstoß seiner Kraftwerke zu halbieren.
Doch nicht nur der schwedische Stromriese ist an der Entwicklung der CO 2 -Abscheidung interessiert – auch Matthias Platzeck sieht klare Vorteile – sowohl für das Klima und den Ruf der Braunkohlenkraftwerke im Land als auch für den Wissenschaftsstandort Brandenburg: „Wir müssen die Arbeit in Forschung und Wissenschaft weiterhin so fortsetzen“ , betonte der Ministerpräsident, „wir wollen weltweit vorne dranbleiben.“ Er sieht Brandenburg als Technikexporteur der Zukunft – schon deshalb sei das Projekt wichtig.
Auch Kurt Beck bewertet die Vattenfall-Pläne positiv. „Man sieht deutlich, dass es weit mehr als nur ein theoretischer Ansatz ist“ , sagte er nach dem Rundgang über die Baustelle. Ob dies jedoch das Allheilmittel in der Klimadiskussion ist, ließ er offen: „Es ist einer der Lösungsansätze in der Klimaproblematik“ , so Beck. Er ist sich sicher, dass die Braunkohle noch über Jahrzehnte einer der entscheidenden Brennstoffe im Land sein wird. Daher begrüßt er die Initiative des Energiegiganten.
Einen Blick auf Fluch und Segen des Bergbaus in der Lausitz erhielt der Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz vom Aussichtspunkt auf dem Kraftwerksturm. „Dort, wo rekultiviert wird, entsteht eine attraktive Landschaft“ , sagte Beck. Sie bekomme an vielen Stellen ein neues Gesicht. Er ist überzeugt, die Lausitz ist eine Region, „in der man gerne leben und Urlaub machen kann“ , betonte er nach einem Blick auf die gefluteten Gewässer der Lausitzer Seenkette zwischen Senftenberg (Oberspreewald-Lausitz) und Hoyerswerda (Kreis Baut zen).

Kritik an Atomlobby
Angesichts der Fortschritte beim Versuch der CO 2 -Abscheidung kritisierte Matthias Platzeck gestern Stromkonzerne wie Eon, die aufgrund der Diskussionen um steigende Strompreise von einer „nuklearen Renaissance“ sprechen. In jedem Land der Welt müsse gewährleistet sein, dass Atomenergie sicher ist, so Brandenburgs Ministerpräsident. Da dies jedoch nicht der Fall ist, müssten Alternativen gesucht und entwickelt werden. Es könnten langfristig nur solche Formen der Energieerzeugung gewählt werden, die in der ganzen Welt gleichermaßen genutzt werden können. „Hätten wir in Jugoslawien zur Zeit des Bürgerkriegs in den 90er-Jahren Atomkraftwerke gehabt, wären uns die um die Ohren geflogen“ , so Matthias Platzeck.