Aber es wurde dann trotz der widrigen Umstände eine sehr persönliche Ansprache des Brandenburger Ministerpräsidenten an der einstigen Grenze zwischen den Stadtbezirken Mitte und Wedding. Regine Hildebrandt, die verstorbene frühere Ministerkollegin und SPD-Freundin, habe auf ihre Art deutlich ausgedrückt, was das besondere dieses Ortes einst ausmachte, wo man aus dem Fenster schauen konnte und der Kopf dann im Westen war, der A . . . aber im Sozialismus zurückblieb.
Von den Wohnhäusern, die einst auf der Ostseite der Straße standen, hat keines die DDR und die Mauer überlebt. Und bis heute ist dort und im Gegensatz zum sonstigen Stadtgebiet der Todesstreifen noch gut erkennbar, der in das Wohnviertel gesprengt wurde. In der Bernauer Straße ist jetzt auch die zentrale Gedenkstätte für die Opfer des DDR-Grenzregimes, an der Platzeck dann am 18. Jahrestag des Mauerfalls an seine Erlebnisse von 1989 erinnerte.
Er sei zum 1. Mai jenes denkwürdigen Jahres ganz bewusst nach Budapest gefahren, um weit weg zu sein von den üblichen Aufmärschen der SED zum Kampftag der Arbeiterklasse. Als ihn dort dann die Freunde mitgenommen hätten in die Stadt, sei ihm nicht einer, sondern mehrere Aufzüge unterschiedlicher Parteien begegnet. Und die Polizei habe lediglich dafür gesorgt, dass Kommunisten, Grüne und Sozialdemokraten einander nicht in die Quere kamen.
Es sei ihm anschließend etwas leichter gefallen, in einem fast leeren Flugzeug zurück zu fliegen und nicht wie viele andere den Weg in den Westen zu suchen. Denn darüber habe er ja auch mit seinen Freunden geredet. Am 1. Mai sei schließlich der Stacheldraht zwischen Österreich und Ungarn zerschnitten worden. Und er sei auch im September wieder in Ungarn gewesen, als jene historische Entscheidung fiel, die freie Ausreise aus dem Land auch offiziell zu gewähren. Da hätten ihm dann die Freunde angeboten, einfach rüberzufahren nach Österreich.
Aber zu dieser Zeit sei ihm zumindest klar geworden, dass sich auch in der DDR die Dinge ändern werden und müssten. Das sehr persönliche Bekenntnis zu den eigenen Erfahrungen mit der Frage der Reisefreiheit ist Matthias Platzeck in diesem Moment wohl ganz spontan rausgerutscht. Ein Redemanuskript verwendete er nicht. Und bevor der Potsdamer Regierungschef auf das eigene Leben zu sprechen kam, ging es ganz staatsmännisch um die Frage, an wen zu denken sei, wenn es um die Frage gehe, wer wohl den Mauerfall bewirkt habe.
Er redete also dann so anschaulich von seinen Fahrten nach Ungarn, weil kein Deutscher vergessen sollte, welch großen Anteil sein Gastland, aber auch Polen und die damalige Tschechoslowakei daran hätten, dass auch die Ostdeutschen frei entscheiden konnten. Diese Nachbarvölker, nicht die SED oder gar ein unbedachter Satz eines Politbüromitglieds, hätten das Grenzregime der DDR zu Fall gebracht.
Platzeck sagte, es dürfe auch nicht vergessen werden, dass die Mauer ausschließlich nach innen, gegen das eigene Volk gerichtet war. Dies zeige sich daran, wie die Sperranlagen aufgebaut waren. Sie dienten nicht wie ansonsten Mauern dem Schutz vor der Außenwelt, sagte er.
Und er sprach mit Blick auf eine Gruppe von Jugendlichen, die zu der Veranstaltung gekommen war, von der Furcht, auch seiner Furcht, dass vieles von dem, was damals geschah, in Vergessenheit geraten könnte. Das aber, was zum 9. November 1989 führte, dürfe genauso wenig vergessen werden wie die antisemitische Pogromnacht des 9. November 1938, die jedem vor Augen geführt hätte, was noch kommen würde an Grausamkeit. Es gebe einen Zusammenhang zwischen diesen geschichtlichen Ereignissen am gleichen Kalendertag. Denn die Mauer sei nur denkbar wegen des Krieges und des Völkermords.
"Im Zweifel für die Freiheit" - mit dem Zitat des früheren SPD-Vorsitzenden Willy Brandt beendete der Brandenburger in Berlin die zentrale Veranstaltung zum Mauerfall-Jahrestag. Der Satz passte ganz gut zu einer improvisierten Rede, die plötzlich viel persönlicher wurde, als die Zuhörer es gemeinhin erwarten können.