"Die einzigen Gewinner dieser Krise sind die Telefongesellschaften."
 (Witz aus Potsdamer Regierungskreisen nach dem abgewendeten Bruch der rot-schwarzen Koalition)


Im Kampf um die Macht hat Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD/Foto) einen klaren Punktsieg gegen seinen Vize, Innenminister Jörg Schönbohm (CDU), erzielt.Alles ist offenbar gut abgestimmt mit Parteichef Matthias Platzeck, der bereits vorher bei der PDS sondiert hatte. Verunsichert knickt der sonst so schneidige General vom Koalitionspartner CDU ein, entschuldigt und distanziert sich - wieder mal - von seinem zündelnden Partei-Vize Sven Petke. Der hatte die SPD-Reaktionen als überzogen gewertet und Platzeck in gewohnter Selbstüberschätzung Führungsschwäche vorgeworfen.
Und nun kommt das eher Merkwürdige: Trotz der Kapitulation des Generals hält die SPD das Thema Koalitionsbruch weiter am Kochen, wird sogar Schönbohms Kopf gefordert. Und der SPD-Landesausschuss knüpft die Fortführung des rot-schwarzen Bündnisses an Bedingungen. Die CDU müsse sich entscheiden, wer in der Partei künftig das Sagen haben solle - die Petkes und Dombrowskis (letzterer hatte den Brief an Bush entworfen) oder die Blechingers. Übersetzt: die Hardliner oder die SPD-freundlicheren Pragmatiker. Man muss nicht zweifeln, dass Schönbohm für die SPD zu den "Petkes und Dombrowskis" zählt.
Wie ist das Ganze zu werten? Die SPD, in Parteistrategie und -management der CDU überlegen, hat Schönbohms jüngste Eigentore kühl und professionell genutzt, um wieder in die Offensive zu kommen. Wegen des Bundestrends, der Siege der CDU in Niedersachsen und Hessen sowie der Punktgewinne der märkischen Union in den Umfragen geht bei der SPD die Angst um, die CDU könnte 2004 stärkste Partei werden. Und das ausgerechnet bei der ersten Wahl mit Platzeck als Spitzenkandidaten. Das Bild vom Hoffnungsträger drohte zu verblassen, während Schönbohm immer mehr Oberwasser bekam - was er Platzeck spüren ließ. Für den Regierungschef ein unhaltbarer Zustand.
Schon beim Haushaltsstreit im Kabinett hat er Schönbohm klargemacht, wer die Nummer Eins ist. Jetzt zwang Platzeck seinen widerborstigen Partner mit dem PDS-Joker in die Knie. Damit hat er ihn geschwächt, gerade in den eigenen Reihen, wo man nichts mehr fürchtet, als den Absturz in die Opposition, und dass jetzt die Nachfolge-Debatte beginnen könnte. Die Folgen sind nicht absehbar, zumal Platzeck demonstrativ CDU-Wirtschaftsminister "Ulli" Junghanns als Mann der Zukunft protegiert. Auch wenn es diesmal noch gut gehen sollte, schwebt der rot-rote Schatten über der verunsicherten CDU. Deshalb wird sie dank Schönbohm, Petke und Dombrowski bei den Kämpfen um den Sparhaushalt 2004 bluten müssen. Es sei denn, sie zöge selbst die Konsequenz und kündigte die Koalition auf.
Platzeck, das ist die Lehre der letzten Tage, ist eben nicht nur der Sonnyboy, als den ihn viele sehen. Sondern auch der kühle Entscheider, besonders wenn es um die Macht geht. So kann man sicher sein, dass Schönbohm, sollte er sich nicht fügen, bei nächster Gelegenheit auf die Oppositionsbank geschickt wird. Der Bush-Brief reichte als Grund dafür nicht aus. Auch wenn erst 2004 ein neuer Landtag gewählt wird - der Wahlkampf ist eröffnet.