Wer im Osten etwas erreichen wolle, müsse in - diesmal nicht die, sondern - eine der Parteien. Weder Täter noch Opfer Wie es stehe zwanzig Jahre nach dem Mauerfall in Gesamtdeutschland, wollte die Mitgliedschaft des traditionsreichen Clubs wissen. Platzeck unterschied zwischen dem objektiven Befund, der seiner Erkenntnis nach nur positiv ausfallen kann und der mentalen Lage in den neuen Ländern. Die Kluft zwischen Wirklichkeit und Empfinden wiederum hat für ihn vor allem eine fremdverschuldete Ursache. Es sei von den Westdeutschen zu wenig die Lebensleistung derer beachtet worden, die in der DDR gelebt hätten. "Es fehlt das Gefühl dafür, dass viele von uns weder Täter noch Opfer waren." Nach solcher Sichtweise hatte man vor 1989 entweder "ein beachtenswertes oder ein verachtenswertes Leben". Dieser Blick aber sei falsch und missachte ostdeutsche Biografien. Die seien zwar auch durch Anpassung geprägt gewesen, aber mehr noch durch harte Arbeit und den Versuch, in "überschaubaren Kreisen" sein Schicksal selbst und ohne direkten Einfluss der Politik zu lenken. Die Unfähigkeit vieler Altbundesbürger, damit umzugehen, drücke sich zumeist in einer Frage aus. "Waren Sie in der Partei?" wolle man unbedingt wissen. Mit dieser Frage verbunden ist aus Platzecks Sicht auch eines der gravierenden aktuellen Probleme, dessen Lösung nicht von den aktiven Politikern, sondern von ihren Kritikern in Angriff genommen werden müsse. Platzeck beklagt den Unwillen, in einer der demokratischen Parteien mitzuarbeiten. In Brandenburg habe die SPD nur 6000 Mitglieder und aus diesen Reihen seien eine Vielzahl von Mandatsträgern und Amtsinhabern zu stellen. Wer eine bessere Politik wolle, müsse sich auch in Parteien engagieren, in denen politische Meinungsbildung stattfinde. Er höre viel zu oft, dass man "nicht so doof sei", wenn über den Sinn und Zweck von Parteieintritten geredet werde. Es gebe weitverbreitete Klischees über das Parteileben, die völlig falsch seien. Er bedauere es auch, dass die ostdeutsche Sozialdemokratie sich nach 1989 nicht für SED-Mitglieder geöffnet habe und erwähnte dabei namentlich den früheren Dresdner Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer. Der war - von Platzeck zunächst offenbar unbemerkt - unter den Gästen und versuchte später vergeblich, den Ministerpräsidenten gegen rot-rote Koalitionen festzulegen. Nein zur Länderfusion Obwohl - vielleicht gerade weil Matthias Platzeck in diesem Kreis, der erkennbar geprägt war von westdeutscher Distanz, unmerklich zunächst, aber doch provozierend den Ball zurück spielte, erntete er breite Anerkennung und teilweise auch begeisterte Zustimmung. Selbst sein ganz hartes Nein zu weiteren Fusionsplänen von Berlin und Brandenburg nahmen ihm die Hauptstädter nicht übel. Das sei eine Sache "für die nächste Generation". Ein Bekenntnis zum Ende seiner Ausführungen ließ dann alle noch einmal aufhorchen - eine in diesem Fall wohl auch ganz exklusive Erklärung. "Ich habe mich in diesen zwanzig Jahren in die Demokratie verliebt"; sagte der Potsdamer in Berlin. Und er sagte es so, dass ihm auch jede und jeder glauben konnte.