Als das Jahrzehnt begann, war Adenauer bereits seit elf Jahren Bundeskanzler und sollte es noch drei weitere Jahre bleiben. Als es endete, hatte die Kanzlerschaft von Willy Brandt gerade begonnen, stand die "Ostpolitik" vor der Tür.Neugierig erkundeten die West-Deutschen den Rest der Welt. Das bedeutete vor allem: Italien, später auch Frankreich und Spanien. Immer mehr Bürger konnten sich einen VW-Käfer leisten (mit "großer" Heckscheibe), den stilistisch als gewagt geltenden Ford Taunus 17M ("Badewanne") oder gar einen Mercedes ("kleine Heckflosse"). Wer den kurvigen Brenner-Pass bezwungen hatte, stand vor einer aufregend fremden Welt.Vico Torriani ("Ananas aus Caracas") machte im TV-"Hotel Victoria" die Zuschauer singend mit exotischen Speisen bekannt, beispielsweise der "Pizza Napoletana". Conny Froboess sang "Zwei kleine Italiener vergessen die Heimat nie". Als die 60er-Jahre begannen, trug ein echter Mann noch Hut und wusch, polierte und lenkte das garantiert sicherheitsgurtfreie Auto höchstselbst. Der Tankwart bekam ein Trinkgeld, wenn er auch die Scheibe putzte.Erster Höhepunkt einer EiszeitDas Jahrzehnt begann mit dem Sowjetastronauten Juri Gagarin, der im April 1961 die Erde in seiner kleinen Raumkapsel einmal umrundete und damit die Überlegenheit des Marxismus-Leninismus sowie der Arbeiter- und Bauernklasse beweisen sollte. Am 13. August 1961 wurde die Mauer in Berlin gebaut. Es war der erste Höhepunkt einer Eiszeit in den Ost-West-Beziehungen, die in diesem Jahrzehnt die Politik der Supermächte USA und UdSSR bestimmen sollte.Noch ernster war die Kubakrise ein Jahr später. US-Präsident John F. Kennedy und Nikita Chruschtschow ließen die Welt in den Abgrund eines Atomkriegs schauen. Als die mit Raketen beladenen sowjetischen Frachter nicht mehr Kurs auf Kuba nahmen, hatten die USA den Weltmacht-Poker gewonnen. Kennedy war der Held. Ganz besonders in West-Berlin, wo er im Juni 1963 als erster US-Präsident nach dem Mauerbau ankam und das auf seinen Notizzettel geschriebene "Isch bin ein Bearleener" vorlas. Die Begeisterung über Kennedys Bekenntnis übertraf noch den Jubel, der Frankreichs Präsident Charles de Gaulle im September 1962 umtost hatte und dem wenig später der deutsch-französische Freundschaftsvertrag gefolgt war.Die Wirtschaft boomte, ausländische Arbeiter kamen nach Deutschland und der Portugiese Armando Rodrigues de Sá bekam im September 1964 bei der Ankunft im Bahnhof Köln-Deutz als einmillionster "Gastarbeiter" ein Zündapp-Mokick "Sport-Combinette" geschenkt. "Ärmel aufkrempeln, zupacken, aufbauen", spottete der wortgewaltige Liedermacher Franz Josef Degenhardt über "Vatis Argumente".Während die Kriegsgeneration vor allem Ruhe als erste Bürgerpflicht ansah, brodelte es bereits bei den Jüngeren. Die Große Koalition von 1966 bis 1969 - mit Kanzler Kurt Georg Kiesinger (CDU) und Außenminister Willy Brandt (SPD) - und der Mangel an offizieller Opposition stärkten die "außerparlamentarische Opposition" (APO), deren Kampf sich 1968 unter anderem auf die "Notstandsgesetze" konzentrierte.Protest gegen Vietnam-KriegDer Student Benno Ohnesorg, der bei einer Demonstration gegen den Schah von Persien im Juni 1967 von einem Polizisten erschossen wurde, das Attentat auf den charismatischen Studentenführer Rudi Dutschke vom April 1968 und der weltweit zunehmende Protest gegen den Vietnam-Krieg - all das bedeutete eine Radikalisierung in der 68er-Bewegung. Die ging verschiedene Wege, von denen viele später in das damals verhasste "Establishment" zurückführten. Einige jedoch endeten auch im Terrorismus der "Roten Armee Fraktion".Der tatsächliche Umbruch fand jedoch nicht nur an den Universitäten statt, wo die Studenten "unter den Talaren den Muff von 1000 Jahren" witterten. Deutschland machte sich frei. Der Mini-Rock setzte sich durch. Und das Verhältnis zur Sexualität wandelte sich von der Teenie-Pubertätsberatung des "Dr. Sommer" in der "Bravo" über den Film "Wunder der Liebe" von Oswalt Kolle (1968) bis hin zu einem weitgehend entspannten Umgang mit der revolutionären Anti-Baby-Pille.Mitte des Jahrzehnts herrschte auch ein neuer Ton im Land. Die Musik wurde laut - und oft wurde sie auch politisch. Verschreckte Eltern belachten die Beatles als "Pilzköpfe" - und der allererste samstägliche "Beat Club" im Fernsehen konnte im September 1965 erst beginnen, nachdem Wilhelm Wieben die Eltern vorgewarnt und um Nachsicht gebeten hatte. Vier Jahre später, als Jimi Hendrix 1969 in Woodstock spielte, war dies alles schon Geschichte, gab es Hippies ohne Vorwarnung. Politik, Kultur und Musik: Alles war anders. Eines aber blieb: Während des gesamten Jahrzehnts ritten die vier Männer von der Ponderosa durch die Wohnzimmer. Wenn die Bonanza-Melodie erklang, die Landkarte in Flammen aufging und Dan Blocker als Hoss jeden Fernsehzuschauer einzeln anlächelte - dann, und nur dann, war Sonntag in Deutschland.