Auf der Bühne stehen sechs Parteipromis und winken in die Menge. Jeder hat einen Korb mit roten Äpfeln vor sich. Manche haben sich ein Exemplar daraus geschnappt und beißen kraftvoll hinein. Nach stundenlangen Antragsdebatten ist der Parteitag bei der "Inszenierung mit den grünen LandwirtschaftsministerInnen" angekommen. Das steht tatsächlich so im Ablaufplan für die Journalisten.

Es ist ein friedfertiges Bild und ganz nach dem Geschmack der Delegierten. Denn die Landwirtschaft soll zum grünen Mega-Thema der Zukunft werden. Darauf hat Fraktionschef Toni Hofreiter das Parteivolk eingeschworen. "Die Agrarwende", sagt er, "hat ökologisch eine ähnliche Bedeutung, wie sie die Energiewende hat." Hofreiter und die anderen Redner trommeln gegen Massentierhaltung und für "ganz andere Tierstandards", gegen Antibiotika im Futter und für gesunde Lebensmittel. Da steigert sich der Beifall immer wieder zum Orkan. Da sind die Grünen ganz bei sich.

Der Programmpunkt soll natürlich auch dazu dienen, das lästige Image der Verbotspartei abzuschütteln, welches der Partei seit ihrer Forderung nach einem fleischfreien Kantinen-Tag im Bundestagswahlkampf 2013 anhängt. "Ob jemand am Donnerstag Fleisch isst oder nicht, ist uns herzlich egal", heißt es nun im Beschlusspapier.

Große Teile der Realos wollten freilich noch eine viel umfänglichere Abrechnung mit der Vergangenheit - und ihrer Partei den Linksdrall austreiben, der bei der Bundestagswahl zum Rohrkrepierer geworden war. In einem schon vor Wochen formulierten Antrag forderte man deshalb eine stärkere Hinwendung zur Mitte und sparte auch nicht mit Kritik an der Führung, was wiederum den linken Parteiflügel erzürnte.

Bei der Abstimmung am späten Abend des ersten Beratungstages ist davon allerdings nichts mehr zu spüren. Zur Vermeidung einer offenen Konfrontation hat man sich hinter den Kulissen auf einen "Versöhnungsantrag" voller Allgemeinplätze geeinigt. "Es gibt Reibungen", heißt es da zum Beispiel. Oder: "An manchen Stellen gibt es Luft nach oben." Aber nun gelte es, "den Blick nach vorne" zu richten.

Rätselraten auch, was künftige Koalitionen angeht: "Wir sind nicht rot-grün, nicht schwarz-grün, nicht neue FDP, sondern schlicht und einfach: Grüne." Einige Delegierte sind davon wenig angetan. "Piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb", spottet Jörg Rupp vom Kreisverband Karlsruhe. Der neue Antrag wende sich "gegen den Diskurs, den wir brauchen", schimpft der bayerische Landesvorsitzende Dieter Janecek. Doch der Parteitag ist auf Harmonie gepolt. Das Papier erhält eine breite Mehrheit.

Beim Tagesordnungspunkt "Humane Flüchtlingspolitik" klingt das zunächst ganz anders. Viele haben schon im Vorfeld geargwöhnt, hier könnte Baden-Wüttembergs grüner Regierungschef Winfried Kretschmann noch mal richtig Prügel beziehen. Denn sein "Ja" zum Asylkompromiss bei der Bundesrats-Abstimmung im September betrachteten viele Parteigänger als Verrat an den grünen Idealen. In dem Gesetz werden Serbien, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina zu "sicheren Herkunftsstaaten" erklärt, was die Abschiebung von Flüchtlingen erleichtert.

Tatsächlich muss Kretschmann warten, bevor er seine Entscheidung verteidigen kann. Eine Protestaktion der "Grünen Jugend" hindert den Gescholtenen am Reden. Als sie vorbei ist, zieht Kretschmann alle Register, erklärt, dass man auch "substanzielle Verbesserungen" für hier lebende Flüchtlinge erreicht hat: Bargeld statt Sachleistungen, schnellere Arbeitsaufnahme, mehr Bewegungsfreiheit für Asylanten in ganz Deutschland. All das hätten die Grünen doch schon seit Jahren gefordert. "Als Ministerpräsident kann ich nicht auf Polarisierung gehen, ich brauche Konsens", ruft Kretschmann in den Saal.

Dann erklärt er noch, dass Baden-Württemberg mehr Flüchtlinge aufnimmt, als nach dem Verteilungsschlüssel vorgesehen. Spätestens damit ist das Eis gebrochen. Viele Delegierte applaudieren sogar im Stehen.

Zum Finale des Parteitages wird es noch einmal richtig leidenschaftlich und emotional. Wie immer, wenn es bei den Grünen um den Frieden in der Welt geht. Diesmal sorgen die deutschen Waffenlieferungen an die Kurden für Zündstoff. Parteichef Cem Özdemir sieht darin ein legitimes Mittel, um sich gegen den IS-Terror zu wehren. Die einstige Vorsitzende Claudia Roth sieht das völlig anders und hält Özdemir vor, humanitäre Hilfen zu diskreditieren.

Am Ende spricht sich der Parteitag gegen Waffenlieferungen aus, was auch der Mehrheitsmeinung des Vorstandes und der Bundestagsfraktion entspricht. Nach Überzeugung von Bundesgeschäftsführer Michael Kellner haben die Grünen damit "Biss" gezeigt. Einen Apfel hat er in diesem Moment nicht bei sich.

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