Wer will schon gern ins Pflegeheim? Der Schauspieler und Kabarettist Dieter Hallervorden, er ist mittlerweile 78, hat seine Abneigung besonders drastisch formuliert: "Ich würde eher aufhören zu essen, als mich in solch ein Heim zu begeben."

Immer wieder bestätigen Umfragen, dass eine überwältigende Mehrheit der Bundesbürger im Bedarfsfall eine Betreuung daheim jeder anderen Pflegeform vorzieht. Doch in der Praxis stößt dieser verständliche Wunsch oft an Grenzen. Und am Ende ist das Heim dann meist auch besser als sein Ruf. Zu diesem Schluss kommt eine Studie im Auftrag des Bundesverbandes der privaten Pflegeanbieter (BPA), die am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde.

Die Untersuchung basiert auf persönlichen Interviews mit Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen sowie einer repräsentativen Telefonumfrage unter der Bevölkerung ab 50 aufwärts. Demnach haben bereits sieben von zehn Personen in dieser Altersgruppe persönliche Erfahren mit der Pflege gemacht, vor allem im Kreis ihrer Angehörigen.

Immerhin 54 Prozent stufen ihren Kenntnisstand bei diesem Thema deshalb als gut beziehungsweise sehr gut ein. Rund 70 favorisieren sowohl für sich als auch für ihre Angehörigen die häusliche Pflege, nur etwa zwölf Prozent ein Pflegeheim. Dabei wird der Pflege durch einen Angehörigen klar der Vorzug vor der Betreuung durch eine Pflegefachkraft gegeben.

Diese Angaben können kaum überraschen. Bemerkenswert ist jedoch die deutliche Veränderung des Meinungsbildes, wenn objektive Schwierigkeiten wie etwa eine für die häusliche Pflege ungeeignete Wohnung sowie subjektive Probleme, also zum Beispiel körperliche und emotionale Belastungen für den Pflegenden, ins Spiel kommen: Statt anfangs 70 Prozent fühlen sich dann nur noch 25 Prozent der Menschen über 50 Jahre in der Lage und willens, ihre hilfebedürftigen Verwandten in den eigenen vier Wänden zu versorgen.

Aufschlussreich sind in diesem Zusammenhang die Interviews mit den rund 100 Pflegebedürftigen in Heimen und ihren Angehörigen. Darin wurden nur Personen einbezogen, die bereits seit rund einem halben Jahr ihre Erfahrungen mit der stationären Pflege gemacht haben. Ein Drittel der Pflegebedürftigen wurde zuvor schon daheim gepflegt.

Hauptmotiv für den Wechsel war eine dramatische Verschlechterung des Gesundheitszustandes der Betroffenen. Trotz beklagter Mängel wie etwa der Verlust von Selbstständigkeit überwiegen laut Studie nach der Eingewöhnungsphase die positiven Grundhaltungen zum Heim. Und zwar auf beiden Seiten: Die Angehörigen empfänden weniger Sorgen und oftmals eine "qualitative Verbesserung des Verhältnisses zum Pflegebedürftigen". Und die Heimbewohner wiederum fühlten sich "ständig und gut versorgt".

Einige wenige Angehörige plagte allerdings auch ein schlechtes Gewissen, ihre Verwandten in ein Heim gegeben zu haben. BPA-Chef Bernd Meurer hält dieses Unbehagen jedoch für fehl am Platz. "Ab einem gewissen Krankheitsbild, aber auch wegen der familiären und finanziellen Situation, ist es für viele nicht mehr zu schaffen, die Mutter oder den Vater daheim zu versorgen", erklärte Meurer. Dies müsse auch politische Konsequenzen haben. Eine Politik, die sich nur auf die ambulante Versorgung fokussiere, sei "schlichtweg falsch".

Alle Pflegeformen müssten ausgebaut werden. Tatsächlich spiegelt sich die Heimbetreuung in den Wahlprogrammen der etablierten Parteien kaum wider. Dabei hatte das Wirtschaftsforschungsinstitut RWI kürzlich festgestellt, dass wegen der rasanten Alterung der Bevölkerung bis zum Jahr 2030 auch ein zusätzlicher Bedarf von 371 000 Heimplätzen entstehe.

Von den gegenwärtig 2,4 Millionen Pflegebedürftigen werden etwa 800 000 stationär versorgt. Das Aufnahmealter der Betroffenen liegt im Schnitt bei 83 Jahren, die Verweildauer im Heim bei rund einem Jahr. Laut BPA-Untersuchung stellen häusliche Pflege, betreutes Wohnen und Pflege-WG's oft nur eine "Übergangssituation" zur Heimbetreuung dar.