Für den Vorsitzenden des Brandenburger Landespflegeausschusses (LPA) Manfred Helbig gehört "Pflege im Quartier" zweifellos zu den Angeboten, die den richtigen Weg in die Zukunft aufzeigen. Denn die mit dem Begriff verbundene Betreuung Pflegebedürftiger folgt dem Grundsatz und dem Wunsch vieler Betroffener, in gewohnter Umgebung alt zu werden. "Diese Betreuungsform hat noch viele Ressourcen", schätzt Helbig ein. Um sie zu erschließen und die Pflege in eine gesicherte Zukunft zu führen, "brauchen wir im Land einen pflegepolitischen Aufbruch".

Beispiel Baden-Württemberg

Was die Vertreter des 27 Institutionen umfassenden beratenden Gremiums darunter verstehen, erläutert Helbig an einem Beispiel: In der jüngsten Fachkräftestudie Pflege des Potsdamer Sozialministeriums ist festgestellt worden, dass Pflegebedürftigkeit etwa in Baden-Württemberg viel später einsetzt als hierzulande. Daraus ergibt sich für das Ausschussgremium die Schlussfolgerung, dass die Vermeidung oder das Hinauszögern des Eintritts von Pflegebedürftigkeit sowie das Abmindern ihrer Intensität in der Pflegepolitik stärker berücksichtigt werden müssen.

"Wenn die Pflegebedürftigkeit abgemildert werden könnte, hätte das enorme Auswirkungen auf die zurzeit prognostizierte Anzahl von Pflegepersonal in den kommenden Jahren", erklärt Helbig, der zugleich Chef des DRK Brandenburg ist. Immerhin ist zurzeit eine Steigerung von gegenwärtig fast 30 000 Fachkräften auf rund 50 000 im Jahre 2030 die Rede (siehe Grafik). Woher dieses Personal kommen solle, ist laut Helbig noch unklar.#

Deshalb verweist der LPA in Forderungen an die neue Brandenburger Landesregierung auch darauf, dass es in der Pflegepolitik endlich ein "gesamtgesellschaftliches und ressortübergreifendes Handeln geben muss". Entsprechend der Resultate der Fachkräftestudie gehe es darum, auf Bundesebene weiter für eine umfassende Pflegereform einzutreten. Zugleich müsse die Förderung des aktiven und gesunden Alterns ausgebaut werden. Hier schließe sich der Kreis zur Pflege in der Zukunft: "Wir müssen die Infrastruktur für einen Verbleib in gewohnten Lebenszusammenhängen im Alter schaffen", sagt Helbig und lenkt das Augenmerk darauf, die Kommunen bei der eigenverantwortlichen Gestaltung von "Altern und Pflege im Quartier" zu unterstützen.

Baaske: Kommunale Lösungen

Der Potsdamer Sozialminister Günter Baaske betont als Konsequenz aus der jüngsten Studie, "dass Pflegevermeidung und Pflege im Quartier weit mehr sind als die Pflegeversicherung". Die Lebenslagen von Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen seien zu komplex, um sie allein mit den eher schematischen Hilfen einer Sozialversicherung zu bewältigen. Zu den Lebenslagen würden das Wohnen und das Wohnumfeld, die Nachbarschaft und die soziale Einbindung, Mobilität, Einkaufs- und sonstige Versorgungsangebote, Alltagshilfen, ehrenamtliche Dienste und vieles mehr gehören.

Für den SPD-Politiker steht fest, "dass die Kommunen - und nur die Kommunen - Lösungen anbieten können". Dafür sei eine sinnvolle Kooperation von Landes-, Landkreis- und Gemeindeebene zu initiieren. Baaske zeigt sich entschlossen, "der Entpflichtung und Selbstentpflichtung der Kommunen mit Einführung der Pflegeversicherung" entgegenzutreten. Einig mit dem Landespflegeausschuss ist sich der Minister, dass die Steuerung der Pflege auf örtlicher Ebene "eine Ermöglichungskultur" braucht.

In Sachsen, wo heute jeder vierte und im Jahre 2025 jeder dritte Einwohner 65 Jahre und älter ist, hat die Nachfrage nach altersgerechten Wohnformen - sowohl im Miet- als auch im Wohneigentum-Bereich - bereits stark zugenommen. Für die Senioren bedeutet dies vor allem barrierearme und barrierefreie Wohnungen.

Um selbstbestimmt und eigenverantwortlich alt werden zu können, kommt es nach Einschätzung des dortigen Landespflegeausschusses auf Ausstattungs- und Einrichtungsmerkmale in Schlafzimmern, Küchen oder Bädern an.

Sachsen fördert Verbleib

Die Beschaffenheit von Gebäudezugängen oder Treppen entscheidet mit darüber, ob der einzelne ältere Mensch dauerhaft bis ins hohe Alter und auch bei Pflegebedürftigkeit in seinem Wohnumfeld bleiben kann - so, wie es Ziel der sächsischen Staatsregierung ist.

Daher fördert das Dresdner Innenministerium seit 2007 mit der Richtlinie "Mehrgenerationenwohnen" den generationengerechten Umbau von Wohnungen im Bestand, und zwar in Grund-, Mittel- und Oberzentren. Mehrgenerationenwohnen meint, dass die jeweilige Wohnung durch die Sanierung für unterschiedliche Generationen nutzbar sein soll.

Gefördert wird der Wohnungseigentümer sowohl für eine selbst genutzte Wohnung als auch für seine Mietwohnungen durch sehr zinsgünstige öffentliche Darlehen bis zu 50 000 Euro pro Wohneinheit.

Für Manfred Helbig bleibt es ein Gradmesser für das Gelingen der Pflege in der Zukunft, mehr mit den Betroffenen und Handelnden vor Ort zu sprechen - auf Wünsche einzugehen. "Und die gesellschaftliche Wertschätzung für den Pflegeberuf muss deutlich verbessert werden", fordert Helbig. "Dazu gehört auch eine angemessene Entlohnung."

Zum Thema:
Der Landespflegeausschuss ist in Brandenburg und Sachsen als beratendes Gremium der Regierung gegründet worden. Themenfelder sind im Besonderen überregionale Maßnahmen, die sich aus der Beobachtung und Analyse der vorhandenen pflegerischen Versorgungsstruktur und deren Vernetzung mit dem Gesundheitssystem ergeben. Eingeschlossen sind darin das bürgerschaftliche Engagement und die Selbsthilfe sowie die Förderung einer wirtschaftlichen und sachgerechten Leistungserbringung. Der Ausschuss will Impulse für die Weiterentwicklung der pflegerischen und die Pflege ergänzenden Strukturen und Prozesse geben.