Dabei hatte die Veranstaltung so harmlos angefangen. Nach einem Kurzfilm über die Bestechlichkeit der DDR-Schiedsrichter las Hanns Leske aus seiner Dissertation. Darin hat der 55-Jährige den Einfluss der SED und des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) auf den Fußballsport in der DDR detailliert beleuchtet. Und kommt zum Schluss, dass der BFC Dynamo Berlin nur unter kräftiger Mithilfe der Schiedsrichter zehnmal in Folge DDR-Meister werden konnte. Weil die Veranstaltung in Cottbus stattfand, kam die Sprache auch auf den ehemaligen Energie-Trainer Eduard Geyer und dessen „intensive“ Tätigkeit als IM - und auf den „Schuhkrieg von Cottbus“ .
Der habe 1981 stattgefunden, als Union Berlin ein wichtiges Meisterschaftsspiel bei Energie Cottbus absolvierte. Union sei als Konkurrent von „Mielkes Privatklub“ BFC von den „Männern in Schwarz“ stets benachteiligt worden. So auch im Stadion der Freundschaft: Schiedsrichter Bernd Stumpf hatte nach Erkenntnissen von Leske die neuen adidas-Schuhe der Berliner nicht sofort akzeptiert und die Spieler zum Stollenwechseln geschickt, um sie erst 20 Minuten später mit den gleichen Stollen wieder auflaufen zu lassen. „Das war auch eine Methode, ins Spiel einzugreifen“ , bemerkte der Buchautor. Hinzu kam, dass die Berliner die Partie „nach einer völlig unverständlichen Entscheidung des Unparteiischen“ mit 1:2 verloren. „Bernd Stumpf hatte das Spiel verpfiffen“ , machte Leske deutlich, „und nicht nur dieses.“ Genau diese Aussage löste bei der anschließenden Diskussion einen Sturm der Entrüstung aus. Was Hanns Leske nämlich nicht wusste: Unter der spärlichen Zuhörerschaft befand sich auch jener Bernd Stumpf. „Ich habe kein einziges Spiel verpfiffen“ , schrie Stumpf und erhielt dabei lautstarke Zustimmung von zwei ehemaligen Kollegen an seiner Seite. Die DDR-Schiedsrichter hätten sich nie korrumpieren lassen, Leskes Erkenntnisse seien daher „Schwachsinn hoch drei“ .
Hanns Leske ließ sich durch die Vorwürfe allerdings nicht aus der Ruhe bringen, verwies beharrlich darauf, nur Fakten genannt zu haben, die auch belegt seien. Die Quellen seiner dreijährigen Recherche seien Papiere der SED, Unterlagen des Deutschen Fußball-Verbandes (DFV) der DDR und des MfS, Zeitungsberichte sowie Gespräche mit Zeitzeugen. Die Schiedsrichter hätten diese Gespräche allerdings stets abgelehnt. „Das stimmt überhaupt nicht“ , ereiferte sich Bernd Stumpf, „mit mir wollten Sie nie sprechen.“ Dann setzte der gebürtige Jenaer noch einen drauf, indem er auf die West-Herkunft des Politologen anspielte: „Sie kommen nicht von hier, sie wissen nicht, wie es war.“
Daraufhin schaltete sich ein weiterer Zuhörer ein, der sich als ehemaliger Trainer in der DDR entpuppte und Stumpf aufforderte, endlich den Tatsachen ins Auge zu blicken und die Manipulation zu realisieren. „Wenn ich Sie wäre, würde ich mich nicht mehr in der Öffentlichkeit blicken lassen“ , gab Leske Stumpf zu verstehen. Als dieser daraufhin drohte, strafrechtlich gegen ihn vorzugehen, war der Höhepunkt der anfangs unspektakulären Veranstaltung erreicht. Das Publikum war gespalten, die Fronten verhärtet und Hanns Leske offenbarte: „Ich bin bisher noch nie derart mit den Personen meines Buches konfrontiert worden.“
Hanns Leske: Erich Mielke, die Stasi
und das runde Leder. Erschienen 2004.
Verlag Die Werkstatt GmbH.