Plötzlich standen zwei langhaarige junge Männer vor seiner Kirche. Sie wollten auf den Turm und das filmen, was später als die entscheidende Montagsdemonstration in der DDR in die Geschichtsbücher eingehen sollte. "Ja, einen Moment lang habe ich überlegt, ob es sich bei den beiden jungen Leuten um Mitarbeiter der Stasi handeln könnte", erinnert sich Hans-Jürgen Sievers (71), der 1989 Pfarrer der Evangelisch-reformierten Kirche in Leipzig war. Doch dann entschied er sich. "Mit dem Hausmeister habe ich geklärt, dass er mit ihnen auf den Turm steigt und die Turmtür von außen verschließt." Dass die beiden jungen Männer - Siegbert Schefke und Aram Radomski - zusammen mit dem Hausmeister stundenlang im Taubendreck sitzen würden, ahnten sie nicht. "Die Namen der beiden habe ich übrigens erst Jahre später zum ersten Mal gehört. Ich habe nach keinen Namen gefragt in der Zeit", sagt Sievers.

Als die Männer auf dem Turm waren, begann das Friedensgebet. Schon Stunden zuvor hatten Hunderte vor den Türen der Kirche gestanden. "Ich habe mich gefreut, weil mir zunächst gar nicht klar war, dass es hauptsächlich SED-Mitglieder waren, die möglichst viele Plätze in der Kirche einnehmen sollten", berichtet er. Als das Friedensgebet anfing, waren etwa 1500 Menschen in und vor der Kirche, die nur rund 450 Sitzplätze bietet. Über den US-Bürgerrechtler Martin Luther King habe er gesprochen, über den Willen und die Kraft zum Durchhalten, erinnert sich Sievers, der 2005 in den Ruhestand ging. So, wie die Afroamerikaner sich gegen Schikanen und Unterdrückung gewehrt hätten, hätten auch die Menschen in der DDR den Willen zur Veränderung gehabt. Angst habe er nicht empfunden, sagt Sievers: "Kindern kann man Angst machen, Angst vorm Schwarzen Mann."

Nach der Predigt gingen die meisten Menschen aus der Kirche zur Montagsdemonstration. Mehr als 70 000 Menschen zogen an diesem Abend unter dem Ruf "Wir sind das Volk" durch die Stadt. Schefke und Radomski filmten, später übergeben sie den heimlich gedrehten Streifen dem "Spiegel"-Reporter Ulrich Schwarz, am Tag darauf wurden die Bilder in den ARD-"Tagesthemen" ausgestrahlt. Damit sahen erstmals auch Millionen DDR-Bürger, was im Lande vor sich ging.

Sievers und seine Frau Wilma blieben an dem Abend allein zurück. "Da saßen wir auf dem Sofa und dachten, jetzt sind die weg und wir sind noch hier. Da wurde uns doch etwas bänglich." Schließlich würde zu erkennen sein, von wo aus die Bilder gedreht wurden. "Wir wussten ja nicht, wie der Staat reagieren würde, haben überlegt, ob wir für unsere Söhne noch Geld abheben, falls wir abgeholt werden sollten."

"Da habe ich mir schon Gedanken darüber gemacht, ob wir unseren Kindern die Zukunft verbauen", sagt Wilma Sievers. Doch dann habe die Wut gesiegt, die in vielen Menschen aufgestiegen sei, als der Staatsratsvorsitzende Erich Honecker über die Flüchtlinge sagte, ihnen würde keine Träne nachgeweint. "Denn natürlich haben viele Menschen in der DDR ihren Kindern, Freunden und Verwandten nachgeweint." Deshalb hätten ihr Mann und sie die Veränderung gewollt. Die Bilder vom 9. Oktober 1989 haben dazu beigetragen, dass diese auch tatsächlich kam.