Allerdings droht Petry (noch) nicht mit Spaltung. Außerdem hat sich das Zentrum der Auseinandersetzung inzwischen weit nach rechts verschoben.

Petry hat genau wie damals Lucke für ihren Vorstoß eine eigene Website aufgemacht, auf der sie nun fleißig Unterstützer sammelt. 350 waren es am Freitag. Erklärtes Ziel der 41-jährigen Parteichefin: Die AfD soll sich beim Parteitag in zwei Wochen in Köln grundsätzlich für den "realpolitischen Weg einer bürgerlichen Volkspartei" entscheiden und koalitionsfähig werden. Spätestens nach 2021 wolle man "Verantwortung übernehmen". Petry versteht das als Absage an all jene, die Fundamentalopposition sein wollen. Namentlich nennt Petry ihren Vorstandskollegen Alexander Gauland. Dieser wolle auch abseitige Meinungen und Standpunkte zulassen. Das jedoch verschrecke bürgerliche Wähler. Als Vorbild nennt sie die österreichische FPÖ. Und eine "fundamentaloppositionelle Strategie", die Raum lässt für "abseitige Meinungen und Standpunkte" auch "außerhalb des bürgerlichen Korridors".

Mit dem Antrag will Petry die Partei abgrenzen von Tabubrüchen, wie sie kürzlich der Thüringer Landeschef Björn Höcke vorgenommen hatte, als er das Holocaust-Mahnmal als "Denkmal der Schande" bezeichnete. Gegen Höcke läuft deshalb ein von Petry mit initiiertes Parteiausschlussverfahren. Gauland und andere wollen Höcke hingegen tolerieren.

Der Antrag soll die Entscheidung in den verbissen geführten Grabenkämpfen an der Spitze bringen. "Ein realpolitischer Ansatz ist nur erfolgversprechend, wenn er sich auf breiten Konsens der Partei und eine entsprechende Beschlusslage beziehen kann", formuliert Petry. Das bedeutet: Kommt der Vorstoß in Köln durch, dann soll der rechte Flügel fortan den Mund halten. Von einem "Papier der Spaltung" sprechen ihre Gegner.

Die Landeschefs von Rheinland-Pfalz, Uwe Junge, und Mecklenburg-Vorpommern, Leif-Erik Holm, unterstützen Petry. Allerdings soll sich bei einer Telefonkonferenz am Donnerstag die Mehrheit der Landesvorsitzenden gegen die Initiative ausgesprochen haben. Der Berliner Gerd Pazderski, dessen Name anfangs unter dem Antrag stand, ließ inzwischen erklären, es handele sich um einen "Tippfehler". Gauland sprach von einem "künstlichen Auseinanderdividieren". Er sagte dem "Tagesspiegel", die Unterschiede in den strategischen Zielen zwischen ihm und Petry seien nicht so groß wie von ihr dargestellt. "Das ist ein künstliches Auseinanderdividieren eigentlich gar nicht so weit auseinanderliegender Positionen", sagte er. Er sei etwa Petrys Meinung, dass die AfD auch Regierungsverantwortung übernehmen müsse, wenn sie stark genug sei. Gauland äußerte die Vermutung, dass Petry mit dem Antrag "eine ideologische Basis" für den Ausschluss des wegen rechtsradikaler Äußerungen umstrittenen Thüringer Landesvorsitzenden Björn Höcke legen wolle.

Lucke hatte 2015 einen ähnlichen Machtkampf gestartet und gegen Petry verloren. Der Parteigründer wollte die AfD damals als eurokritische, aber bürgerliche Partei profilieren, die sich von fremdenfeindlichen Gruppen fernhalten sollte. Petry hingegen wollte einen harten Kurs gegen den politischen Islam und die Aufnahme von Flüchtlingen. Einmal sagte sie, dass an den Grenzen zur Not auf illegale Einwanderer geschossen werden müsse. Allerdings teilt Petry seit Längerem die Auffassung der französischen Präsidentschaftskandidatin Marine le Pen, dass die Rechtskonservativen sich von offen nazifreundlichen Strömungen trennen müssen, um wählbar zu sein.

Zuletzt machte Petry mit der Bemerkung Schlagzeilen, die AfD sei der "Garant jüdischen Lebens" in Deutschland. Das hindert sie freilich nicht an Zweideutigkeiten. Erst im Herbst letzten Jahres sprach sie sich dafür aus, den Begriff "völkisch" positiv zu besetzen.

Partei-Vize Albrecht Glaser sagte dem "Tagesspiegel": "Die spannende Frage ist, ob der Antrag beim Parteitag überhaupt auf die Tagesordnung kommt." Unklar ist also, wie viel Rückhalt Petry tatsächlich hat. Und welche Konsequenzen sie zieht, falls sie in Köln verliert. Ihr Vorhaben, alleinige Spitzenkandidatin der AfD bei der Bundestagswahl zu werden, scheiterte bereits im Januar dieses Jahres , als 54 Prozent der Mitglieder sich in einer Basisbefragung für die Bildung eines Spitzenteams aussprachen. Wer dazugehören wird, soll ebenfalls in Köln entschieden werden. Es könnte Petrys wichtigster AfD-Parteitag werden. Oder ihr letzter.