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| 08:36 Uhr

Peter Glotz – Urgestein und Vordenker der SPD

St. Gallen/Berlin.. Der SPD-Vordenker und Bildungsexperte Peter Glotz ist tot: Der Kommunikationswissenschaftler starb gestern im Alter von 66 Jahren in der Schweiz an Lungenkrebs, wie seine Frau Felicitas Walch mitteilte. Politiker aller Parteien zeigten sich bestürzt. ZBArchivfoto: dpa


SPD-Chef Franz Müntefering erklärte, Glotz habe politische Leidenschaft mit Intellekt verbunden. "Peter Glotz hat sich durch seine Brillanz und sein publizistisches Können in Deutschland und Europa große Anerkennung erworben", schrieb Bundespräsident Horst Köhler. Auch Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) würdigte die Verdienste des Ver storbenen.

"Funktionär aus Überzeugung"
Glotz galt in seiner Partei als Vordenker. Der Medienexperte saß 20 Jahre im Bundestag und prägte die SPD auch als Bundesgeschäftsführer. Der Sohn eines Versicherungsangestellten trat 1961 in die Partei ein. In München studierte er Zeitungswissenschaften, Philosophie, Germanistik und Soziologie und promovierte 1968. Nach wissenschaftlicher Tätigkeit an der Universität München wurde er 1970 in den bayerischen Landtag und 1972 in den Bundestag gewählt. Von 1974 bis 1977 war er parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesbildungsministerium, anschließend Wissenschaftssenator in Berlin.
In der SPD genoss der "Funktionär aus Überzeugung" und "Aufklärer aus Passion" als brillanter Analytiker und Theoretiker breites Ansehen, fand aber keine Hausmacht. Sein Name ist vor allem mit der Bonner Republik verbunden. 1974 wurde Glotz unter Kanzler Helmut Schmidt (SPD) Parlamentarischer Staatssekretär im Bildungs- und Wissenschaftsministerium. Von Egon Bahr übernahm er das Amt des Bundesgeschäftsführers, das er von 1981 bis 1987 ausübte.
In Willy Brandt sah Glotz "den bedeutendsten sozialdemokratischen Politiker der Nachkriegszeit". Er sei ein "Mann Brandts" gewesen und werde es bleiben, sagte Glotz in einem Interview. Nahezu zeitgleich mit dem Abtritt Brandts als Parteichef 1987 zog sich auch Glotz als Bundesgeschäftsführer zurück. 1994 war er als Bildungs- und Forschungsexperte im Wahlkampfteam von SPD-Kanzlerkandidat Rudolf Scharping. Bis 2002 saß er als Beauftragter der rot-grünen Bundesregierung im EU-Verfassungskonvent.
Der am 6. März 1939 im böhmischen Eger geborene Glotz floh 1945 mit seiner Familie aus dem Sudetenland nach Nordbayern. Die Stiftung "Zentrum gegen Vertreibungen" unterstützte er seit deren Gründung im September 2000. Die Stiftung wurde von Glotz und der CDU-Abgeordneten Erika Steinbach gemeinsam geführt.
Seit Mitte der 90er-Jahre widmete sich der Honorarprofessor vor allem der Wissenschaft. 1996 übernahm er als Gründungsrektor der Universität Erfurt den Wiederaufbau der 1379 gegründeten Hochschule. Drei Jahre später folgte er einem Ruf als Ständiger Gastprofessor an die Universität St. Gallen.

Autor zahlreicher Bücher
Bekannt war Glotz auch als Autor von mehr als 30 Büchern und Chefredakteur der Zeitschrift "Neue Gesellschaft Frankfurter Hefte". Seit diesem Jahr moderierte er zudem gemeinsam mit dem früheren politischen Gegner Heiner Geißler die monatliche n-tv-Politsendung "Glotz & Geißler". .
Glotz habe Wissenschaft in politische und gesellschaftliche Praxis übersetzt und umgekehrt, erklärte Müntefering in Berlin. "Sein kritischer Geist und seine wache Aufmerksamkeit seiner Partei gegenüber werden uns sehr fehlen." Schröder kondolierte der Witwe des Verstorbenen: "Mit Peter Glotz haben unser Land und unsere Partei, der er seit über 40 Jahren angehörte, eine außergewöhnliche Persönlichkeit verloren." In der Bildungspolitik, der politischen Leidenschaft von Glotz, seien für ihn Chancengerechtigkeit und Eliteförderung nie Gegensätze gewesen. Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) teilte in Berlin mit, er habe "einen engen Freund und ideenreichen Dialogpartner" verloren.
"Seine Stimme wird uns fehlen", schrieb auch Köhler an Felicitas Walch. "Mit Peter Glotz verliert Deutschland einen überzeugten Sozialdemokraten und Europäer", erklärte Außenminister Joschka Fischer (Grüne). Glotz habe sich "in wichtige aktuelle Debatten um die Zukunft der sozialen Demokratie in Deutschland fruchtbar eingemischt", schrieben die Grünen-Vorsitzenden Claudia Roth und Reinhard Bütikofer. DGB-Chef Michael Sommer erklärte, mit seinem Tod sei die politische Kultur um eine "seriöse und unbeirrbare Stimme ärmer".
Ex-CDU-Generalsekretär Heiner Geißler sagte auf N24, Glotz sei ein unabhängiger, mutiger Kopf gewesen: "Was er sagte, hatte Hand und Fuß." Alle hätten gehofft, dass Glotz seine Krankheit gut überstehe. Dies sei nicht gelungen, sagte Geißler.
FDP-Chef Guido Westerwelle sagte in Berlin, Glotz sei nicht nur als Politiker, sondern als Wissenschaftler und Publizist weit über die Parteigrenzen hinweg anerkannt. Linkspartei-Wahlkampfmanager Bodo Ramelow sagte, er habe einige Thesen von Glotz nicht geteilt, ihn als Mensch jedoch immer geachtet.
Ehefrau Felicitas Walch sagte dem Sender N24, Glotz habe gegen seine Krankheit "gekämpft wie ein Löwe". Es habe eine Besserung gegeben, doch dann seien offenbar Fehler bei der Behandlung passiert. Glotz war in dritter Ehe verheiratet und hinterlässt den siebenjährigen Sohn Lion. Der frühere SPD-Bundesgeschäftsführer soll am 12. September in Wald/Appenzell in der Schweiz beerdigt werden.
Bis zuletzt hat Peter Glotz seine Memoiren geschrieben. Am 9. September erscheint bei Econ (Berlin) sein letztes Buch "Von Heimat zu Heimat. Erinnerungen eines Grenzgängers", das der Verlag als Glotz' politisches Vermächtnis ankündigt. Darin geht der Medienwissenschaftler und frühere SPD-Politiker mit seiner Partei hart ins Gericht. Seine Bilanz sei "von allzu viel Rücksichten frei", schreibt er im Vorwort. Aus Rücksicht auf seine Partei habe er sich zwar "manch schöne Geschichte" verkniffen. "Aber die Grundkonflikte müssen dargestellt, die Grundfiguren ehrlich porträtiert werden." (dpa/AFP/kr)