"In meinem Leben gibt es eine ganze Reihe von Absonderlichkeiten", beginnt Gudrun Leesch unser Gespräch. Da sitzt sie in ihrer Ströbitzer Wohnung, umringt von deckenhohen Regalen voller Bücher, Foto- und natürlich Postkarten-Alben. "Irgendwie", fügt die vitale 91-Jährige hinzu, "sind die Dinge aber immer positiv ausgegangen." Was sie meint, wird am Ende der Unterhaltung erst so richtig deutlich. Aber der Reihe nach:

Gudrun Leesch griff noch am Tag der RUNDSCHAU-Veröffentlichung über eine beinahe unglaubliche Postkarten-Geschichte zum Telefon. In dem Artikel "Warum eine Postkarte 64 Jahre bis nach Sergen braucht" (RUNDSCHAU vom 16. Februar) war beschrieben, dass eine Postkarte 1947 aus englischer Kriegsgefangenschaft in Ägypten abgesandt wurde. Bei den Adressaten in Sergen nahe Cottbus kam die Nachricht vom Bruder und Onkel aber nie an.

Erst ein Fund auf dem Cottbuser Trödelmarkt ermöglichte es, dass die Karte nach 64 Jahren übergeben werden konnte: vom Neuhausener Bürgermeister Dieter Perko (CDU) an den ehemaligen Landtagspräsidenten Herbert Knoblich (SPD) - den "lieben Herbert", der in Sergen aufgewachsen war.

Für Gudrun Leesch ist der Trödelmarkt in Cottbus ebenfalls zur Fundgrube und zur Begegnung mit der Vergangenheit ihrer Familie geworden. Es sei ein Händler aus Bad Liebenwerda gewesen, der auf ihre Frage hin zum nächsten Nachttrödel Postkarten aus Berlin-Karlshorst mitbringen wollte.

Gesagt, getan. Die rüstige Seniorin ist in der Messehalle ohnehin Dauergast und hat so manchen "Schatz" mit nach Hause genommen. Und tatsächlich legte der Händler diesmal fünf historische Ansichten von Karlshorst mit aus, darunter den Eingang der Trabrennbahn, und "sogar meine 30. Volksschule hinter der Parkanlage war auf einer Ansicht zu sehen".

Gudrun Leesch wollte es kaum glauben. Genau hier hatte ihre Familie in der damaligen Fürstenbergallee Nummer 9 gewohnt, sie ihre Kindheit und Jugend verbracht. "Ich habe alle Karten gekauft, um sie mir am Sonntag darauf in Ruhe anzuschauen", schildert die Cottbuserin. Was sie dann entdeckte, ließ sie aus dem Staunen kaum herauskommen. Zwei Karten waren an Gertrud Schubert in Dresden gerichtet. Beide von ihrem Mann Oswald, der auf der Karte vom 20. August 1928 ausdrücklich Grüße von der Familie Bartsch ausrichtet.

Gudrun Leesch ist eine geborene Bartsch. Ihren Vater Martin habe eine 65 Jahre währende Freundschaft mit Oswald Schubert verbunden, der während eines Besuches "bei uns in Berlin" an seine Frau geschrieben hatte. "Der Gruß auf der Postkarte vom Nachttrödel hatte auch mit mir zu tun", sagt die Ströbitzerin.

Mit ihren historischen Postkarten aus Karlshorst hat die Cottbuserin in den zurückliegenden Jahren aber auch dem Bezirksamt und dem Museum Berlin-Lichtenberg geholfen. Weil Gudrun Leesch erlebt hatte, dass ihr Wohnhaus in der Karlshorster Fürstenbergallee Nummer 9 (heute Sangeallee) in der NS-Zeit zu einem "Judenhaus" missbraucht wurde, wandte sie sich an das Bezirksamt. Da das Haus nach 1945 abgerissen wurde, war man dort froh, eine Zeitzeugin mit postalischen Erinnerungsstücken gefunden zu haben.

Heute erinnert in der Sangeallee 9 ein Stoplerstein daran, wie jüdische Bürger aus ihren Häusern vertrieben, hier auf engstem Raum zusammenwohnen mussten, um letztlich in Konzentrationslager abtransportiert zu werden. Für Jana Dieckmann vom Lichtenberger Bezirksamt ist Gudrun Leesch zu einer Zeitzeugin und guten Bekannten geworden. Die Museumsleiterin war inzwischen öfter in Cottbus-Ströbitz zu Besuch, stöberte mit in den historischen Sammlungen der Seniorin.

Auf die angesprochenen "Absonderlichkeiten" in ihrem langen Leben kommt Gudrun Leesch am Ende unseres Besuchs zu sprechen. Sie legt Postkarten der Ozeandampfer Titanic und Megantic auf den Tisch und erzählt, dass ihre Mutter und ein Bruder Tickets für die Jungfernfahrt der Titanic gebucht hatten, um einen in Kanada lebenden Bruder zu besuchen. "Sie mussten die Tickets aber zurückgeben", schildert Gudrun Leesch, weil der mitreisende Bruder mit Prüfungen nicht fertig geworden war. Daraufhin hätten sie auf die Megantic umgebucht, die zwei Wochen später in See stach. "Das Schicksal der Titanic ist bekannt", nennt Gudrun Leesch das Datum 15. April 1912, an dem 1514 Passagiere bei einer der größten Katastrophen der Seefahrt starben. Gudrun Leeschs Mutter, die nicht mit der Titanic fuhr, ist auch am 15. April gestorben - allerdings 1961.

Zum Thema:
Eine Postkarte in ihrer Sammlung hat für Marga Nooke aus Forst (Spree-Neiße) eine ganz besondere Bedeutung. Als sie den RUNDSCHAU-Artikel "Warum eine Postkarte 64 Jahre bis nach Sergen braucht" las, erinnerte sie sich sofort. "Die Postkarte meines Vaters trug auch die Lager-Nummer 380." Er sei auf Rodos in englischer Kriegsgefangenschaft gewesen. Darin schrieb er an seine kleine Marga (1942 geboren), die ihn aufgrund der Kriegswirren gar nicht kannte. Von ihrer Schwester habe Marga Nooke viele Jahre später die Karte erhalten.