Der Knabe ist klein und von zartem Wuchs. Das ficht seinen Vater nicht an. Der Sohn ist ein Wunderkind und muss der Welt vorgeführt werden. Gerade hat man eine große Reise nach Wien gemacht, um sich am Hofe Joseph II. zu produzieren - mit mäßigem Erfolg bislang. Es wird gerade mal wieder an Kunst und Künstlern gespart.
Der überanstrengte Zwölfjährige ist eingeschlafen. Die Perücke mit dem korrekt gebundenen Zopf und den zierlichen Schläfenlocken liegt auf dem Tisch neben dem einzigen Zugeständnis an seine Kindlichkeit, neben der Spielzeugschachtel. Hampelmänner sind darin, der lederbehoste Hanswurst und die lustige Colombina, die gekrönte Prinzessin und der Zwerg mit der Zipfelmütze, der Offizier mit seinem Degen und natürlich der Teufel. Alle haben einen Faden am Rücken und wenn man daran zieht, bewegen sie die Gelenke. Den rosaseidenen Engel hingegen kann man mit einem Schlüsselchen aufziehen.

Engel wird zur Baronesse
Das Kind, gerade dabei, seine erste große italienische Oper zu schreiben, träumt von seinen Komödienfiguren. Carlo Goldoni hat sie erdacht. Einer nach dem anderen springen sie aus der Kiste hervor. Der Teufel ist der Hagestolz Cassandro, der nie eine Frau haben will, Hanswurst muss sein einfältiger Bruder Polidoro sein, die Prinzessin ist die schöne Schwester der beiden, Giacinta. Der bei den dreien einquartierte Offizier bleibt, was er ist, ein ungarischer Hauptmann. Colombina und der Zwerg sind die pfiffigen, natürlich ineinander verliebten Diener. Der Engel aber wird zur Baronesse. Sie ist die Schwester des Offiziers und die Titelfigur der Oper, eine pfiffige Person, die sich einfältig stellt. Sie hat den Auftrag, die beiden Brüder Cassandro und Polidoro so sehr in sich verliebt zu machen, dass sie bei aller Ehefeindlichkeit in die Heirat ihrer Schwester mit dem Offizier einwilligen. Ein tanzender Engel, der sich zum Schluss als der w ahre Teufel entpuppt, schafft das natürlich spielend. Am Schluss kriegen sich drei Paare, nur Hanswurst geht leer aus.

Perfekte Inszenierung
Die Idee mit der Spielzeugkiste und den Gliederpüppchen als Figuren aus Mozarts erster Opera buffa stammt vom Regisseur der Produktion, Wolf-Dieter Gööck, die allerliebste Ausstattung von Ella Späthe und Coco Ruch.
Gööck und seine wunderbar spielfreudigen jungen Darsteller haben es geschafft, das perfekt inszenierte und bis ins Detail geprobte Puppenspiel den langen Abend durchzuhalten und immer wieder anders und immer aufs Neue komisch darzustellen. Bei jeder Arie wurde die singende Person am Faden aufgezogen und fand, der jeweiligen Nummer entsprechend, einen immer neuen Spielgestus. Dieses Spiel mit Variationen machte einen Teil des dreistündigen Spaßes aus, ein anderer entsprang der verwendeten deutschen Übertragung von Peter Brenner: deftige Lebensweisheiten in bewusst holpernden Versen am laufenden Band. Während der Dialoge zwischen den Arien durften sich die Darsteller vom Puppendasein erholen und sprechend und spielend etwas biegsamer und menschlicher werden. Dass sich die eine oder andere Figur dabei ein wenig fremde Identität ausborgte, trug zur allgemeinen Erheiterung nicht unwesentlich bei. Die verstellte Baronesse ähnelte plöt zlich einer gewissen Yvonne, bei der es mächtig gewaltig zugeht, der Hanswurst wuselte herum wie ein blonder Kabarettist und Polizeiruf-Kommissar.

Gesangsgestus gut angepasst
Mozarts Frühwerk ist allenfalls ein Versprechen auf Künftiges. Was weiß ein Zwölfjähriger von Frauenfeinden und Verführungskünsten - sein Werk musste ein geschickt abgesehenes Plagiat des italienischen Buffastils bleiben, mechanisch wie das inszenierte Puppenspiel. Auch der Gesangsgestus der sieben sehr guten Solisten passte sich dem Stand der musikalischen Dinge an. Nur in winzigen Momenten in die Zukunft weisender Genialität ließen die Sänger ahnen, jeder in einem anderen Moment, dass sie sehr wohl lyrische Phrasen ausspinnen, Pianotöne schweben lassen können. Anne Schaab als Zofe Ninetta und Marc Haag als Offizier Fracasso zeigten es am schönsten. Die komischen Talente waren Falk Joost als Teufel Cassandro, Andreas Petzold als Hanswurst Polidoro und Iris Stefanie Maier in der Titelpartie. Als energische Prinzessin und schlichter Diener und bewältigten Nicolle Cassel und Cornelius Uhle mit Hingebung die undankbarsten Aufgaben.
Musikalischer Spiritus Rektor der im winterlichen Dresden entstehenden Aufführungen des Lausitzer Opernsommers ist seit Jahren Richard Hughey, Universitätsmusikdirektor der TU Dresden. Sein Kammerorchester musizierte das Mozart-Stück knisternd trocken und präzise, luftig leicht, ohne es zum Meisterwerk hinaufzuhubern, aber auch so fein, dass seine kindlich charmanten Qualitäten immer wieder hörbar wurden.

Nächste Vorstellungen: heute, 20 Uhr und morgen, 18 Uhr.