An Stelle von Ohren, Füßen und Unterarmen fasste man nun die Fingerkuppen ins Auge. Im Jahr 1903 führte das Land Sachsen nach Angaben des Dresdner Instituts für
Sächsische Geschichte und Volkskunde (ISGV) das Verfahren zur Identifizierung eines Menschen durch den Fingerabdruck ein: Auf Betreiben des damals 19-jährigen Münchner Jurastudenten Robert Heindl öffnete am 1. April des Jahres die erste Daktyloskopische Landeszentrale Deutschlands in Dresden ihre Pforten.

Alle zehn Finger auf ein Blatt
In einer Denkschrift an die Polizeibehörden mehrerer deutscher Großstädte hatte Heindl die neuartige Identifizierungs-Methode empfohlen. Nach Angaben der ISGV-Historikerin Judith Matzke begann die sächsische Polizei schnell, die Fingerabdrücke von straffälligen Personen in Karteien zu sammeln. "Damals musste man noch alle zehn Finger auf ein Blatt drücken", sagt Matzke. Von Gegenständen habe man Abdrücke allerdings noch nicht entnehmen können. "Erst im Jahr 1909 meldete ein Wiener Kriminalist ein Patent für eine Folie zur Abnahme und Fixierung von Fingerabdrücken an." Seitdem war eine Nutzung an Tatorten möglich.
Die Daktyloskopie trat ihren Siegeszug an. Bald entwickelte sich das Verfahren zu der von der Polizei am häufigsten angewendete Identifizierungsmethode. Heindl indessen wurde laut Matzke im Jahr 1911 Leiter der Dresdner Kriminalpolizei. Seither ging es mit seiner Karriere steil aufwärts. 1912 trat er den Posten des Polizeidezernenten im sächsischen Innenministerium an, 1918 stellte man ihn als Oberregierungsrat in der Staatskanzlei ein. Im Jahr 1919 ging er schließlich in den Auswärtigen Dienst, bis er 1933, im Jahr der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten, pensioniert wurde. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg setzte er im Jahr 1946 seine berufliche Laufbahn als Leiter des Zentralamts für Kriminal-
identifizierung, Polizeistatistik und Polizeinachrichtenwesen in München, dem späteren bayerischen Landeskriminalamt (LKA) fort.

Erfinder im Zwielicht
Heindl starb 1958 im bayerischen Irschenhausen. Ganz unumstritten ist der Pionier in Sachen Daktyloskopie Matzke zufolge allerdings nicht. In seinem im Jahre 1926 veröffentlichten Hauptwerk "Der Berufsverbrecher" versuchte er anhand von Statistiken über rückfällige Straftäter zu belegen, dass von einer relativ kleinen Gruppe von Kriminellen ein Großteil der Straftaten ausgehe. Eine Theorie, die im "Dritten Reich" von den Nationalsozialisten verwendet wurde, um Verdächtige vorsorglich und dauerhaft in Konzentrationslagern zu internieren.