Für Li Can hat es sich nicht gelohnt. Vier Jahre nach den Olympischen Spielen 2008 in Peking sagt die 20-jährige Studentin: "Es ging um unser nationales Ansehen in der Welt." Deswegen habe die Regierung wohl geglaubt, die Milliardenausgaben für die Spiele zahlten sich aus. "Aber ich finde, das Geld hätte für andere, nützlichere Dinge ausgegeben werden sollen - zum Beispiel für den Bau von Schulen", sagt die Studentin aus der armen Provinz Henan an einem sonnigen Apriltag bei einem Besuch im "Vogelnest", dem Nationalstadion.

Das "Vogelnest" und die "Wasserwürfel" genannte Schwimmhalle sind das auffälligste Olympia-Erbe. Das riesige Olympiagelände im Norden der chinesischen Hauptstadt wirkt vier Jahre später verlassen und nahezu unverändert. Das Schwimmstadion wurde endlich zum Spaßbad umgebaut, aber das Nationalstadion steht praktisch leer und wird auch für heimische Sportwettkämpfe nicht genutzt. Das "Vogelnest" bleibt somit architektonische Sehenswürdigkeit, die täglich 20 000 bis 30 000 Touristen anzieht, die jeweils 50 Yuan, umgerechnet sechs Euro, Eintritt bezahlen.

"Es ist heute nutzlos", sagt Liu Yude, ein 54-jähriger Unternehmer aus Hebei, der sich über den Eintritt ärgert. Ein anderer Besucher, der 33-jährige Han Zengguang, findet die großen Ausgaben für die Olympia-Stätten hingegen gerechtfertigt. "Sie sind historische Meilensteine", sagt der Angestellte. "In ein paar Jahren werden das ,Vogelnest‘ und der ,Wasserwürfel‘ genau wie die Große Mauer oder die Verbotene Stadt sein."

Aber auch politisch sieht der Nachlass der Spiele getrübt aus. Nie zuvor hatte China derart im internationalen Rampenlicht gestanden wie 2008. Die Niederschlagung der Volksaufstände der Tibeter lösten Empörung aus. Wegen der Proteste verkam der Fackellauf um die Welt zum "Spießroutenlauf". Hinzu kam die Kritik wegen Festnahmen von Bürgerrechtlern, Zensur, Zwangsvertreibungen und Menschenrechtsverstößen. Was China damals durch die Spiele an "Softpower", sportlichem Ansehen und Verständnis für seinen Aufstieg gewann, wurde durch negative Schlagzeilen wieder zunichtegemacht.

Der massiv aufgepäppelte Sicherheitsapparat entwickelte seither ein Eigenleben und schlug 2011 wieder zu, als "Jasmin-Proteste" nach arabischem Vorbild in China befürchtet wurden. Hatte der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Jacques Rogge, einst vollmundig "positive, anhaltende Auswirkungen auf die chinesische Gesellschaft" versprochen, sehen Menschenrechtsgruppen eher eine Verschlechterung und sprechen heute von einem "hässlichen Erbe" von Olympia 2008. Dass ausgerechnet der berühmte Künstler Ai Weiwei, der maßgeblich am Design des "Vogelnestes" beteiligt war, vor einem Jahr für zwei Monate in Haft verschwand, verstärkte den Eindruck noch.