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| 01:04 Uhr

Peitzer Teichwirte bereiten Notabfischen vor

Über 380 Kilometer schlängelt sich die Spree vom Lausitzer Bergland nach Berlin. Überall zeigen die Pegel Niedrigwasser an. Der Wassermangel ist in Teilen der Lausitz und vor allem in der Hauptstadt spürbar. Tote Fische in den Kanälen oder wild wuchernde Algenteppiche rund um die Museumsinsel – das wäre keine schmeichelhafte Werbung für das neue Berlin. Doch völlig aus der Luft gegriffen ist dieses Szenario nicht. Die Spree, warnen Ökologen, leidet in diesem heißen Sommer unter einem Rekord-Wassermangel. Von Wolfgang Swat und Ulrike von Leszczynski

Nur von Stauwehren einigermaßen in Form gehalten, quält sich das Flüsschen im Schneckentempo am Regierungsviertel vorbei bis zur Havel-Mündung. Auf längere Sicht könnte Berlin mit seinem Fluss große Probleme bekommen - und Brandenburg erst recht.
Seit Wochen hängt der Fluss am Tropf der sächsischen Talsperren, um den Wasserstand zu halten. Das Lausitzer Braunkohlerevier zapft die Spree seit Monaten nicht mehr an, um seine Tagebaurestlöcher in Freizeit-Seen zu verwandeln. Im Gegenteil. Fast 2000 Pumpen heben zur Sicherung der Kohleförderung täglich rund 1,2 Millionen Kubikmeter Wasser. Damit werden die Kraftwerke Jänschwalde, Boxberg und Schwarze Pumpe, aber auch die Spree versorgt. Der Spreewald lebt zu zwei Dritteln vom Grubenwasser. Noch gibt es deshalb nach Auskunft des Tourismusverbandes Spreewald in Raddusch keine Einschränkungen bei Kahnfahrten.

Kreuzgefährliche Situation
Die Wassernot ist dennoch spürbar, so bei den Peitzer Edelfischern. „Die Wasserknappheit begann schon im Winter mit wenig Schnee und Kälte. Jetzt im Sommer verschärft sich die Situation noch“ , schätzt Wilfried Donath, Geschäftsführer der Peitzer Edelfisch GmbH, ein. Seit Jahresbeginn sind in der Lausitz und in der Region Hoyerswerda und Weißwasser sowie in Teilen des Elbe-Elster-Landes erst ein Fünftel der sonst üblichen Niederschläge gefallen. In den insgesamt rund 1000 Hektar großen Peitzer Teichen fehlen 15 bis 20 Zentimeter an den normalen Teichhöhen. In anderen Teichen wie in Sergen, Eulo, Fürstlich Drehna sind nur ein Drittel der sonstigen Wassermenge drin. Der Kathlower Großteich mit seinen 35 Hektar Wasserfläche musste aus Not schon abgefischt werden.
Wilfried Donath bezeichnet die gegenwärtige Situation für die Binnenfischer, die mit dem Spreewasser produzieren, als „kreuzgefährlich.“ Im August könnte es bei anhaltend heißem Wetter zu weiterem Sauerstoffmangel in den Teichen kommen. „Wir bereiten uns auf Notabfischungen vor. Allerdings ist es schwierig, bei dem Wassermangel Teiche zu finden, wo wir die Fische einsetzen können“ , beschreibt Donath die Lage. Außerdem ist die Zeit des Not-Fischzuges auf wenige Stunden am Morgen begrenzt. Später wird es zu heiß. Karpfen, Forellen und andere Fische würden in den Netzen und Behältern qualvoll ersticken. „Wir tun in Zusammenarbeit mit der Wasserwirtschaft und Vattenfall alles, um ein Notabfischen zu verhindern.“ Fischereichef Donath rechnet auf jeden Fall mit Ertragseinbußen, weil die Fische bei sinkender Wassermenge, steigender Temperatur und abnehmendem Sauerstoffgehalt auch weniger fressen.
Die diesjährige Situation zeigt, wie wichtig es ist, Wasser möglichst lange im Binnenland zu halten, meint Donath. „Im Einzugsbereich der Spree in Sachsen und Brandenburg gibt es Teiche von insgesamt 5000 Hektar Größe. Diese gut zu füllen, ist von enormer Bedeutung“ , sagt der Peitzer Fischerei-Chef.
Dabei ist die Lage an den Flüssen durchaus sehr unterschiedlich. „Spree ist nicht gleich Spree“ , beschreibt Dietmar Steyer, Sachgebietsleiter Gewässergüte im brandenburgischen Landesumweltamt in Cottbus, bildlich die verschiedenen Abschnitte. Die Wasserqualität wird ständig überwacht. Im Flussgebiet in der Lausitz sind noch keine gravierend negativen Auswirkungen erkennbar. „Noch ist ausreichend Sauerstoff im Wasser,“ erklärt der Cottbuser Laborchef des Landesumweltamtes, Hans-Joachim Mäder.

Wasser im Binnenland halten
Die Talsperre Spremberg lässt nach Auskunft des Landesumweltamtes in Cottbus in diesen Tagen mehr als neun Kubikmeter Wasser je Sekunde in den Fluss strömen. Die Mindestabgabe beträgt sieben Kubikmeter je Sekunde. Der Wasserspiegel des Sees liegt gegenwärtig 80 Zentimeter unter der normalen Stauhöhe. Dass es nicht mehr ist, ist der Wasserzufuhr aus der Talsperre Bautzen zu verdanken. Seit der Vereinbarung zwischen Brandenburg und Sachsen, von dort 20 Millionen Kubikmeter Wasser abzuleiten, sind seit Anfang Juni elf Millionen Kubikmeter geflossen. „Wir hatten im Winter die Talsperre so gut es ging gefüllt. Das Wasser aus Sachsen wird direkt weiter in die Spree geleitet“ , erklärt Dietmar Steyer.
Vor allem der Spreewald profitiert von diesem zusätzlichen Wasser. „Hier liegt aber auch der Knackpunkt,“ so Steyer. Von den über neun Kubikmetern, die je Sekunde in die Spreewaldarme strömen, fließen nur noch gut zwei Kubikmeter je Sekunde am Pegel in Leipsch aus dem Spreewald ab. Normal verlassen an dieser Stelle jede Sekunde mindestens 4,5 Kubikmeter Wasser die Lagunenlandschaft. Verdunstung und Bewässerung nennt Steyer als Ursache für die enormen Verluste. Er appelliert an die Spreewälder, „sehr verantwortungsbewusst mit dem Wasser umzugehen“ .
In Berlin ist die Geschwindigkeit der Spree inzwischen nämlich fast bei Null angelangt - als normal gelten rund zehn Zentimeter pro Sekunde. "Selbst ein starker Gewitterregen bringt keine Abhilfe", sagt Eva Milbrodt vom Berliner Wasser- und Schifffahrtsamt. In Brandenburg sieht Matthias Freude, Präsident des Potsdamer Landesumweltamts, bereits Fische und Muscheln bedroht.
Bei der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz verwahrt sich Wasserexperte Dietrich Jahn allerdings gegen Öko-Panikmache. "Die Spree müffelt nicht und es werden auch keine toten Fische durch das Regierungsviertel treiben", betont er. Ausgeprägte Niedrigwasser-Perioden habe es bereits vor 100 Jahren gegeben, nur die massenhafte Einleitung des abgepumpten Tagebau-Wassers aus der Lausitz habe diese Tatsache bis in die 90er-Jahre überdeckt.
Für den Umweltforscher Norbert Walz vom Berliner Leibniz-Institut für Gewässerökologie ist die dahindümpelnde Spree nicht nur das Ergebnis der Hitzewelle. Menschliche Eingriffe in das Ökosystem, sagt er, machten dem Fluss weit mehr zu schaffen. So litt das natürliche Wassersystem von der Regentschaft des Alten Fritz angefangen bis hin zu DDR-Zeiten, damit Acker- und Grünflächen entstehen konnten. Feuchtgebiete verschwanden, künstliche Gräben durchziehen die Landschaft.

Die Natur rächt sich
Nun rächt sich die Natur: Der Boden speichert weit weniger Wasser als früher, natürliche Reserven für den Sommer gibt es kaum. Die Studie könnte vielen eine Warnung sein: Sie stellt klar, dass Wassermangel für Wirtschaft und Landschaft ebenso gravierende Folgen haben kann wie Hochwasser. Schon jetzt beziffert der Chef des brandenburgischen Landesbauernverbandes, Udo Folgart, den Ernteschaden durch Wassermangel auf 225 Millionen Euro. Nach Schätzungen des Landesbauernverbandes in Sachsen stehen aufgrund von Dürreschäden ein Sechstel der etwa 6000 bäuerlichen Betriebe im Freistaat vor dem Aus.
Um das Öko-System Spree wieder ins Gleichgewicht zu bringen, fordern Ökologen ein Umdenken. Flüsse müssten renaturiert und Wasser gespeichert werden. Die Zeit drängt: Das Potsdamer Klimaforschungsinstitut sagt voraus, dass die Sommer in Berlin und Brandenburg bis 2055 noch heißer und trockener werden.