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| 01:14 Uhr

Peitzer Geschäfte vor Gericht

Der Wohnpark Luisenruh heute: Durch den Bau soll die kommunale Wohnungsgesellschaft in Peitz viel Geld verloren haben.
Der Wohnpark Luisenruh heute: Durch den Bau soll die kommunale Wohnungsgesellschaft in Peitz viel Geld verloren haben. FOTO: Foto: Behnke
Die kommunale Wohnungsbau- und -verwaltungsgesellschaft „Vorspreewald“ mbH (WBVG) mit Sitz in Peitz ist Pleite. Mit dafür verantwortlich sollen Geschäfte der früheren Firmen-Chefs Bernd Rätzel und Dietmar Krohnfeld sein. Es geht um Bürgschaften, Kaufzusagen und den Wohnpark „Luisenruh“ . Die Staatsanwaltschaft hat wegen dieser Vorgänge jetzt beim Landgericht Cottbus Anklage gegen Krohnfeld und Rätzel erhoben. Der Vorwurf: Untreue und Betrug. Von Simone Wendler und Daniel Preikschat


Gut vier Jahre lang dauerten die Ermittlungen der Brandenburger Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Wirtschaftsdelikte in Potsdam. Die Juristen mussten sich durch ein schwieriges Firmen- und Beziehungsgeflecht arbeiten. Jetzt liegt die Anklage gegen die Ex-Geschäftsführer der kommunalen WBVG, Bernd Rätzel und Dietmar Krohnfeld, beim Cottbuser Landgericht. Dort sollen sich die beiden voraussichtlich im Spätherbst wegen Untreue verantworten, Krohnfeld außerdem wegen Betruges.
Der Prozess könnte spannend werden, denn Rechtsanwalt Uwe Hartung, der Verteidiger von Krohnfeld, kündigt massive Gegenwehr an: „Herr Krohnfeld hat sich nichts in die Tasche gesteckt, das werden wir beweisen.“ Auch Bernd Rätzel fühlt sich unschuldig. Unangenehm könnte das Verfahren für den früheren Peitzer Amtsdirektor und WBVG-Aufsichtsratsvorsitzenden Hans Gahler werden.

Tochterfirma für Sanierung
Er soll, so Rechtsanwalt Uwe Hartung, von den Vorgängen, die jetzt Gegenstand der Anklage sind, gewusst haben. Gahler, inzwischen Amtsdirektor in Burg, bestreitet das. In die Peitzer Immobiliengeschichte war jedoch auch Gahlers damalige Ehefrau verwickelt.
Die Geschichte, die offensichtlich die WBVG in die Pleite und damit auch die Stadt Peitz in große finanzielle Nöte brachte, beginnt im November 1993. Da gründete die WBVG eine Tochtergesellschaft, die Gesellschaft für Wohnungswirtschaft und Immobilien Peitz mbH (WIP). Die soll als Planer und Baubetreuer für Sanierungsarbeiten und eventuelle Neubauten der WBVG tätig werden.
Zwei Monate später wird die WIP zum Teil privatisiert. Krohnfeld und Rätzel, Geschäftsführer der WBVG und auch der WIP, übernehmen Anteile, ebenso wie die spätere Ehefrau von Amtsdirektor und Aufsichtsratschef Hans Gahler für einige Monate. Obwohl die WIP nun mehrheitlich in privater Hand ist, gibt die kommunale WBVG ihr im Juni 1994 eine Bürgschaft für eine Computerausrüstung, kurz darauf auch für einen Kontokorrentkredit. Für die Staatsanwaltschaft ist das Untreue zulasten der WBVG, denn die habe keinen wirtschaftlichen Vorteil von der Bürgschaft gehabt, sondern nur das Risiko.
Im Sommer 1995 wird dann die Wohnpark „Luisenruh“ GmbH als Tochterfirma der WIP gegründet. Mitgesellschafter sind aber zeitweise auch Verwandte der Frau des Amtsdirektors. Ihrer Familie gehörte das historische Herrenhaus Luisenruh in Peitz. Die neue GmbH soll das denkmalgeschützte Haus sanieren und daneben Eigentumswohnungen bauen. Den Grund und Boden dafür verkaufte die Familie der damaligen Frau des Amtsdirektors an die „Luisenruh“ GmbH.
Im September 1996 ist Grundsteinlegung. Auch bei der „Luisenruh“ GmbH wird Dietmar Krohnfeld Geschäftsführer, später übernimmt Bernd Rätzel diesen Posten. Doch der Wohnungsbau verzögert sich und wird dadurch teurer. Was dann geschieht, ist ebenfalls Gegenstand der nun erhobenen Anklage.
Nach RUNDSCHAU-Recherchen schließt die kommunale Wohnungsgesellschaft WBVG im Juni 1997 mit der „Luisenruh“ GmbH Verträge über den Kauf von 23 noch nicht fertigen Eigentumswohnungen. Das ist verwunderlich, da die WBVG damals schon viele leer stehende Wohnungen hat und selbst ein Neubauvorhaben plant. Doch es kommt noch schlimmer.

Gewinnabführung vereinbart
Der Kaufpreis, rund 2,4 Millionen Euro, wird bereits ein halbes Jahr vor der Fertigstellung überwiesen, eine Art kostenloser Kredit für die „Luisenruh“ GmbH. Außerdem verpflichtet sich die kommunale Wohnungsgesellschaft in einem weiteren Vertrag, die Hälfte eventueller Gewinne beim späteren Weiterverkauf der Wohnungen an die mehrheitlich private WIP abzuführen. Dazu sei die WBVG überhaupt nicht verpflichtet gewesen, so ein weiterer Anklagegrund gegen Krohnfeld und Rätzel, die an der Spitze aller drei beteiligten Gesellschaften standen.

Noch eine Bürgschaft
Auch die WIP selbst kauft zehn Eigentumswohnungen von der „Luisenruh“ GmbH. Dafür nimmt die WIP rund 600 000 Euro Kredit auf, für den wiederum ohne nachvollziehbaren wirtschaftlichen Grund das kommunale Wohnungsunternehmen WBVG bürgt.
Im Herbst 1997 wird Bernd Rätzel als Geschäftsführer der WBVG abgelöst, ein halbes Jahr später auch Dietmar Krohnfeld. Hans Gahler, bis dahin Peitzer Amtsdirektor und Aufsichtsratsvorsitzender der kommunalen Gesellschaft, übernimmt für eine Weile die Geschäftsführung. Er kündigt die Bürgschaft für die WIP, die WBVG muss daraufhin für 1,3 Millionen Mark Schulden geradestehen. Die „Luisenruh“ GmbH und die WIP gehen Pleite.
Hans Gahler ist inzwischen Amtsdirektor in Burg und seit Dezember 2001 von seiner Frau geschieden. Die Peitzer Firmen-Konstruktion, in der Krohnfeld und Rätzel gleichzeitig angestellte Geschäftsführer im kommunalen Unternehmen und gleichzeitig Geschäftsführer und Miteigentümer in zwei mehrheitlich privaten Firmen waren, die aber in engen Geschäftsbeziehungen miteinander standen, hält er nicht für prinzipiell fragwürdig.
„Da hätte kein Interessenkonflikt auftreten müssen“ , glaubt Gahler noch heute. In seiner langjährigen Tätigkeit als Aufsichtsratsvorsitzender der WBVG habe er sich auch nie befangen gefühlt, trotz der Verbindung von WBVG und WIP zum Bauvorhaben „Luisenruh“ und damit zur Familie seiner früheren Frau.

Kein Thema im Aufsichtsrat
„Der Aufsichtsrat hat sich ja nie mit diesen Geschäften befasst, um die es jetzt vor Gericht geht“ , sagt Gahler. Auch seine damalige Frau versichert, dass über geschäftliche Dinge zu Hause nie gesprochen wurde. Hans Gahler weist auch jeden Verdacht von sich, er habe zu Gunsten der Familie seiner damaligen Frau Einfluss auf Krohnfeld und Rätzel genommen.
Der jetzige Peitzer Amtsdirektor Guido Odendahl schätzt den Schaden, der dem kommunalen Unternehmen durch die dubiosen Geschäfte entstanden ist, auf einen zweistelligen Millionen-Betrag. Genau ließe sich das nicht beziffern, so Odendahl. Was aus der insolventen WBVG wird, steht noch nicht fest.