PDS hatte zwei profilierte Vertreter der konträren Positionen zum Streitgespräch geladen. Der Brandenburger Europaabgeordnete Helmuth Markov verteidigte vehement seine Zustimmung zu einer Kuba-kritischen Entschließung des EU-Parlaments, der Linkspartei.PDS-Bundestagsabgeordnete Dieter Dehm widersprach nicht weniger leidenschaftlich und forderte Solidarität mit den regierenden kubanischen Genossen.
Ein alter Genosse, der den Glauben an den Sozialismus auch nach zehn Jahren Lagerhaft in Sibirien nicht verloren zu haben scheint, bringt mitten in der Diskussion das scheinbar paradoxe der Debatte auf den Punkt. Dieter Dehm habe offenbar im Westen besser den Klassenkampf gelernt als so mancher frühere SED-Genosse. Deswegen stimme er Dehm, der jetzt in Niedersachsen die Linkspartei.PDS führt, zu. „Was positiv ist, soll auch positiv bleiben“ , sagt er mit Blick auf das Castro-Regime in Kuba und spricht nicht wenigen im Saal aus dem Herzen. Und Dehm, nach eigenen Angaben bis 1998, insgesamt 33 Jahre lang, in der SPD, wird nicht müde, wieder und wieder seine kämpferischen Erfahrungen von zahllosen Infoständen in westdeutschen Fußgängerzonen zum Besten zu geben. Dort habe er gelernt, stutzig zu werden beim Beifall von der falschen Seite. Er kenne diese Menschenrechtsanhänger nur zu gut, hinter denen sich tatsächlich die Kampagnen der CIA verbergen würden. Er lasse sich auch nicht durch Amnesty International beeindrucken, die ja auch immer wieder Fehler machten. Für ihn gelte, was die politischen Gefangenen in Kuba betreffe, zunächst einmal die Unschuldsvermutung dahingehend, dass die Richter und Staatsanwälte dort nicht einfach zu verurteilen seien. So habe er es immer, auch in der SPD gehalten, wo er auch jederzeit mit der Sowjetunion solidarisch gew esen sei, auch wenn er den Einmarsch 1968 in Prag beispielsweise für falsch gehalten habe.
Helmut Markov, der seinerseits weit über ein Jahrzehnt SED-Mitglied gewesen war, ist angesichts solcher mit aller rhetorischen Vehemenz vorgebrachten Lebensweisheiten zunächst sichtlich um Fassung bemüht. Seine geschichtlichen Einsichten sind geprägt vom Scheitern der DDR. Gescheitert sei man nicht zuletzt deswegen, weil man damals glaubte, der Sozialismus sei vor allem eine Sache der sozialen Rechte und dadurch sei auch politische Repression zu rechtfertigen. Die Einsicht über diesen Irrweg sei der antistalinistische Grundkonsens der Linkspartei.PDS. Darin ist er sich auch einig mit den meisten der anwesenden Mitglieder, die die Partei in Brandenburg führen oder in Parlamenten vertreten. Deswegen sei deutliche Kritik an den Menschenrechtsverletzungen in Kuba für ihn eine notwendige Schlussfolgerung aus der Programmatik der Partei.
Markov hält es für die Pflicht von Sozialisten, sich mit allen Menschen zu solidarisieren, die ihrer politischen Überzeugung wegen eingesperrt werden. Er fordert von jedem Staat, dass er seinen Bürgern die Möglichkeit einräumt, auszureisen. Dass Kuba aber weder Reisefreiheit gewähre noch Meinungsfreiheit zulasse, sei ja unstrittig.
Dehm widerspricht dem auch gar nicht. Aber für ihn, der die Menschenrechte nirgendwo umfassend gewährt sieht, ist zunächst der Friedenskampf das Allerwichtigste. Er beruft sich auf Willy Brandt. Es gehe immer nur um ein Mehr oder Weniger an Menschenrechten. Wer nichts zu fressen habe, habe auch nichts von der Meinungsfreiheit.
Da erntet er vom früheren SED-Kader Heinz Vietze Widerspruch. Zu essen habe es ja wahrlich genug gegeben in der DDR, aber die Republik sei trotzdem kaputtgegangen.
Vietze sagt, ihn zerreiße diese Debatte innerlich, weil er an Kuba hänge und schöne Erinnerungen pflege. Aber es gehe hier um die Glaubwürdigkeit der Partei und darum, dass sie ihren unwiderruflichen Bruch mit der SED-Vergangenheit zu beweisen habe. Ähnlich argumentieren die anwesenden Abgeordneten. Man habe seine Erfahrungen gemacht mit der Einschränkung der Freiheitsrechte, mit der sozialistischen Diktatur. Dehm, der Kämpfer aus dem Westen, meint, in Niedersachsen habe sein Landesverband kein Verständnis für die Schwierigkeiten der Potsdamer Genossen mit Kuba. Unterschwellig kommt dann der Vorwurf, daran sei wohl die DDR schuld, die den Blick für die Prioritäten des Klassenkampfes getrübt habe.