Im Schlagabtausch zwischen Gegnern und Befürwortern trat fastdie komplette Führungsriege der ehrwürdigen Alma mater imSPD-regierten Leipzig zurück. Dem CDU-Landeskabinett wirdEinmischung in universitäre und kommunale Angelegenheitenvorgeworfen. Die Trennlinie verläuft, wie so oft in dersächsischen Geschichte, vornehmlich zwischen Leipzig und Dresden.

Lange schwelender Zwist
Der Zwist um die Paulinerkirche, die auch Aula, Promotionsort undBegräbnisstätte war, schwelt seit Jahren. Neue Nahrung erhielter, als das Kabinett vor knapp drei Wochen einen Wiederaufbau -wenn auch sehr verklausuliert - befürwortete und damit vonfrüheren Positionen abrückte. Für die Universitätsleitung war dasein Affront. Außenstehende indes können kaum nachvollziehen,weshalb es demonstrative Rücktritte und Proteste in Leipzighagelt. Wehren sich die Gegner - sie haben Umfragen zufolge dieMehrheit der Leipziger hinter sich - etwa nur, weil einWiederaufbau "von oben", aus Dresden, verordnet werden soll„
Befürworter wenden ein: Was ist daran schlecht, wenn ein ausideologischen Gründen geschliffenes Gotteshaus wiedererrichtetwird“ Für sie ist ein Wiederaufbau die einzig richtige Antwortauf den barbarischen Akt der Sprengung. Unbeantwortet ist dieFrage, ob die Kirche an Sachsens ältester Uni tatsächlichbenötigt wird - nur wenige Meter entfernt stehen Nikolai-,Thomas- und Peterskirche - und ob ein Nachbau in das 21.Jahrhundert passt. Denn von Wiederaufbau kann eigentlich nichtdie Rede sein, weil anders als bei der Dresdner Frauenkirchekeine alte Bausubstanz mehr vorhanden ist.
"Die Kirche ist unwiederbringlich verloren", sagtNachwende-Rektor Cornelius Weiss. Er spricht von einerunzeitgemäßen Kopie, einem potemkinschen Dorf und grübelt, woherüberhaupt die Finanzen dafür kommen sollen. Denn Steuergeldersollen nicht fließen. Der Paulinerverein schätzt dieWiederaufbaukosten auf 25 Millionen Euro und hofft auf zehnMillionen von der Katholischen Kirche. Kirche wie Verein müsstenalso Spenden sammeln - in Zeiten, da Geld nirgendwo locker sitzt.Der Verein setzt auf seinen prominenten Vorsitzenden,Nobelpreisträger Günter Blobel. Der soll in den USA Geldgeberfinden.
Die SPD verweist auf eine politische Dimension des Streites undmeint, dass die Regierung einen Wiederaufbau aus taktischenGründen befördert - um Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee zubeschädigen. Tiefensee, der kürzlich sogar als Bundesminister imGespräch war, gilt nämlich als etwaiger SPD-Spitzenkandidat fürdie Landtagswahl 2004. Mit ihm als Leitfigur wird denSozialdemokraten durchaus zugetraut, die absolute CDU-Mehrheitbrechen zu können. "Das ist Wahlkampf gegen einen noch nichtvorhandenen Spitzenkandidaten", fasst SPD-Vorsitzende ConstanzeKrehl den Streit zusammen.

Noch nichts beschlossen
Beschlossene Sache ist ein Wiederaufbau längst nicht. Hinter denKulissen wird fieberhaft nach einem Kompromiss gesucht. Es sollendie Wogen geglättet werden, die der Rücktritt von Rektor VolkerBigl und seiner Prorektoren ausgelöst hatten. Wie dasStadtoberhaupt beharren sie darauf, dass bei der Neugestaltungdes Unicampus zum 600. Jubiläum der Alma mater 2009 keine Kirchegebaut wird.
Es soll eine moderne Aula entstehen, in der selbstverständlich andie von der SED angeordnete Sprengung der Kirche im Jahr desPrager Frühlings 1968 erinnert wird und Platz für Andachten ist.In dieser Woche kommen die Kontrahenten an einen Tisch - nicht amOrt des eigentlichen Geschehens, sondern imWissenschaftsministerium in Dresden.