Den Segen der Parteispitze haben die zwölf Thesen bereits: Der Landesvorstand legt den Delegierten Rößlers Werk als seinen Antrag vor. Damit soll eine Debatte innerhalb der Bundes-CDU angestoßen werden. Dazu gehören etwa die Feststellungen, dass "die historische und kulturelle Schicksalsgemeinschaft der Nation" im vereinigten Europa unverzichtbar sei und "mehr Patriotismus für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft" gebraucht werde. Im ganzen Land müsse zudem das Unterrichtsfach Geschichte wieder eine größere Bedeutung erhalten: "Die herrschende Deutungsdominanz der ,Achtundsechziger' in Medien, Wissenschaft und Schule und die damit verbundene Diskreditierung wertorientierter patriotischer Positionen ist zu überwinden."
Zaghaft melden sich inzwischen immer mehr CDU-interne Kritiker an dem Vorstoß zu Wort, eine Chance wird ihnen jedoch nicht eingeräumt. Rößler war sich bereits bei der Vorstellung des Papiers vor zwei Wochen in Dresden sicher, dass es die Meinung von "80, 90 Prozent der Parteibasis" widerspiegele. Nicht dazu gehören der Dresdner Kreisverband, der in Schwarzenberg die nochmalige Diskussion des Papiers in den Parteigliederungen beantragen will, und seine ehemalige Chefin, Sachsens Ausländerbeauftragte Friederike de Haas (CDU). Ihr kommt im Antrag etwa die Abkehr von Antisemitismus und Rassismus und die Gleichheit aller Menschen vor Gott zu kurz.
Gestern warnte der Landtagsabgeordnete Martin Gillo (CDU) und damit ein weiterer Ex-Minister die Sachsen-Union in einem Interview vor einem oberflächlichen Umgang mit dem Thema. Patriotismus sei eine "Langzeit-Baustelle", weshalb die CDU gut beraten wäre, ihre Position "noch nicht in Beton zu gießen". Wer die Thesen nun einfach verabschiede, produziere womöglich nur eine "Eintagsfliege".
Sorgen um den Kurs der Union machen sich derweil nicht nur Christdemokraten. Grünen-Landtagsfraktionschefin Antje Hermenau warnt die CDU vor verhängnisvollen politischen Weichenstellungen. In dem Antrag sei der Begriff von Heimat und Identität so eng gefasst worden, dass sich nicht nur ausländische Bürger, sondern auch Deutsche aus anderen Bundesländern ausgegrenzt fühlen müssten. Durch die Hintertür erlebe damit auch die frühere CDU-interne Auseinandersetzung zwischen Ost- und Westdeutschen eine Renaissance.

Zum Thema Die zwölf Patriotismus-Thesen
1. Im vereinigten Europa ist die historische und kulturelle Schicksalsgemeinschaft der Nation unverzichtbar.
2. Patriotismus, die Liebe zum Vaterland, ist für unsere Nachbarn in Ost und West eine Selbstverständlichkeit.
3. Deutschland gilt als schwieriges Vaterland.
4. Patriotismus kann man nicht herbeireden oder verordnen.
5. Patrioten stellen sich der gesamten Geschichte ihrer Nation.
6. Patriotismus ist untrennbar verbunden mit Freiheit und Demokratie.
7. Der Patriot liebt das eigene Vaterland und schätzt im Unterschied zum Nationalisten die Vaterländer der anderen.
8. "Patriotismus ist die Voraussetzung des Weltbürgertums." (Ralf Dahrendorf)
9. Familie, Muttersprache, Heimat, Kultur, Religion und regionale sächsische Identität sind grundlegend für die Stabilität der Gemeinschaft.
10. Patriotismus braucht Symbole, Institutionen und Traditionen, damit er auch emotional wirksam werden kann.
11. Familie, Heimat, Muttersprache, Kultur, Religion, Geschichte, Eintreten für Freiheit und Demokratie, Gemeinsinn und Solidarität - in diesen Werten und Erfahrungen wurzelt unser Patriotismus.
12. Wir brauchen mehr Patriotismus für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft.