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| 02:40 Uhr

Patienten und Pflegekräfte leiden unter Zeitmangel in Krankenhäusern

"Am meisten fehlt uns die Zeit zum Zuhören", klagt André Weber-Gemmel. Von Karsten Packeiser

"Dabei wollen die Leute doch so viel erzählen." Seit 35 Jahren arbeitet der Stationsleiter am Krankenhaus von Idar-Oberstein schon in der Pflege. Der Zeitdruck für Krankenschwestern und -pfleger ist in den vergangenen Jahren enorm gestiegen. Die von der Politik zum Sparen gezwungenen deutschen Kliniken haben seit Mitte der 90er-Jahre etwa 50 000 Stellen im Pflegebereich abgebaut. "Wie am Fließband" sei die Betreuung verlaufen, klagt eine Mainzerin, deren erkrankter Mann unlängst in die Uniklinik der Landeshauptstadt eingeliefert wurde. "Die Patienten kommen oft in einem schlechten Pflegezustand aus dem Krankenhaus zu uns", sagt auch Annette Mayerhöffer, die Leiterin eines privaten Pflegedienstes im nordbadischen Sinsheim. Viele pflegebedürftige Menschen würden nicht ausreichend ernährt und nicht oft genug umgelagert. Die Zahl der Druckgeschwüre habe zugenommen. Nicht unbedingt nötige Dinge wie Haarewaschen würden aus Zeitmangel oft gar nicht mehr erledigt, der Frust bei den Beschäftigten sei enorm, berichtet Mayerhöffer. Gerade in den vergangenen zwei Jahren hätten sich die Probleme noch einmal deutlich verschärft. "Wenn sich die Angehörigen nicht um ihre kranken Verwandten kümmern würden, wäre die Lage noch schlimmer", ist sich Mayerhöffer sicher. Manche Krankenhäuser bitten inzwischen Familienmitglieder schon ausdrücklich um Hilfe. Wie schlecht die Stimmung in der Branche ist, zeigte sich vor einigen Wochen, als rund 130 000 Krankenhausmitarbeiter in Berlin zum Brandenburger Tor zogen und dort gegen die Misere im Gesundheitswesen und die Unterfinanzierung protestierten. Viele Kliniken, so war dort zu hören, stünden inzwischen kurz vor der Pleite. "Die Pflegenden müssen etwas dafür tun, dass ihr Beruf wieder attraktiver wird", fordert Ulrike Dörning vom Evangelischen Fach- und Berufsverband für Pflege in Wiesbaden. In ihrem Kollegenkreis gebe es schon Eltern, die ihren Kindern ausdrücklich verboten hätten, einen Pflegeberuf zu ergreifen. Mit dem Zeitmangel in der Pflege beschäftigte sich auch ein "Christlicher Pflegekongress" in Bingen am Rhein. "Die Frage ist: Wie lässt sich Zeit für menschliche Zuneigung in Geld umrechnen?", sagt der Organisator des Treffens, Stephan Dorschner. Bislang habe es noch keine echte Diskussion darüber gegeben, was den Deutschen gute Pflege wert sei. Allerdings ließen sich nicht alle Probleme lösen, wenn durch mehr Personal der Zeitdruck abgeschwächt würde. Nicht immer würden bei der Arbeit die richtigen Schwerpunkte gesetzt. "Welchen Grund gibt es denn dafür, dass im Pflegeheim alle Bewohner um Punkt acht Uhr morgens gewaschen am Frühstückstisch sitzen müssen", fragt Dorschner. Bis zu 40 Prozent ihrer Arbeitszeit verwenden Pflegekräfte in den Krankenhäusern inzwischen für die Dokumentation jedes einzelnen Falles. Vielen Pflegern fehle durch die zusätzlichen Aufgaben die Zeit für den eigentlichen Kontakt mit den Patienten, berichtet Stationsleiter Weber-Gemmel. Eine Alternative zu den Schreibarbeiten gebe es nicht. Seit der Einführung der Fallpauschalen bemühen sich die Kliniken, ihre Patienten möglichst schnell wieder nach Hause zu schicken. Anderenfalls drohe Ärger bei Kontrollen durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen: "Da wird dann gefragt: Warum liegen diese Patienten so lange hier?" Inzwischen gehe es längst nicht mehr um eine würdevolle Versorgung, sondern allenfalls noch darum, dass das Gesundheitssystem die Patienten nicht zusätzlich schädige, sagt Frank Weidner, Direktor des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung in Köln: "Das macht deutlich, wie weit wir uns schon von einer sozialen Gesellschaft entfernt haben."