Herr Kuhn, sind Sie sauer, dass Ihnen die Große Koalition gewissermaßen die Geschäftsidee gestohlen hat?
Das sehe ich anders. Die Große Koalition hat mit einer ziemlich großen Klappe angefangen und den Leuten eingeredet, sie werde die großen Probleme des Landes lösen. Doch sie tut es nicht, weil sie keine gemeinsame Schnittmenge hat und deshalb viel Murks wie zum Beispiel die Gesundheitsreform produziert.

Tatsache ist, dass SPD und Union oft selbst Opposition spielen. Deshalb werden auch die Grünen nur wenig wahrgenommen.
Das gehört zu Logik der Großen Koalition. Entscheidend sind die politischen Ergebnisse. Und die sind mager. Immerhin verbuchen wir zweistellige Umfragewerte. Deshalb sehe ich das gelassen.

Wie fällt Ihre Bilanz nach einem Jahr grüner Opposition aus?
In den ersten drei Monaten hatten wir Übergangsschwierigkeiten, weil viele Fraktionsmitglieder im Kopf noch Regierung waren. Inzwischen sind wir voll in der Opposition angekommen. Dabei unterscheiden wir uns von den Schreihälsen à la Lafontaine oder Westerwelle, indem wir eine konstruktive Rolle spielen. Wer etwas ablehnt, muss auch Alternativen aufzeigen. Dafür stehen wir.

Sie selbst reden schon von Schnittmengen mit der Union. Das klingt, als wollten die Grünen um jeden Preis fix wieder an die Macht.
Unsinn. In der Opposition muss man sich darauf vorbereiten, was nach der Großen Koalition kommt. Dazu diskutieren wir politische Inhalte. Was die Union angeht, so habe ich nicht nur Schnittmengen, sondern massive Unterschiede benannt. Das betrifft besonders die Umwelt- und die Gesellschaftspolitik. Wir brauchen eine offene inhaltliche Auseinandersetzung, ohne dabei künftige Regierungsbündnisse vorwegzunehmen.

Rechnen Sie mit einem vorzeitigen Aus der Großen Koalition?
Nein. Aber in spätestens drei Jahren gibt es verschiedene Möglichkeiten. Selbst eine schwarz-grüne Mehrheit ist nicht ausgeschlossen. Ob wir mit der Union dann tatsächlich regieren wollten, hängt von den Inhalten ab. Möglich ist aber auch, dass nur eine Drei-Parteien-Koalition über die nötige Mehrheit verfügt. Davor können wir doch nicht die Augen verschließen.

Ihre Bundestagsfraktion veranstaltet einen großen Wirtschaftskongress. Brauchen die Grünen mehr marktwirtschaftliches Profil?
Wir sprechen von einer grünen Marktwirtschaft, mit der die alte soziale Marktwirtschaft erneuert werden soll. Damit werden wir unsere wirtschaftspolitische Akzeptanz erhöhen.

Vize-Fraktionschef Jürgen Trittin kritisiert das Konzept als Ansammlung grüner Allgemeinplätze.
Die Fraktion hat auf ihrer Klausur im September den Schwerpunkt grüne Marktwirtschaft beschlossen. Das sollten alle bedenken, die jetzt auf der linken Seite herumnölen. Auch Jürgen Trittin hat das nicht abgelehnt. Ich würde seine Äußerungen allerdings nicht überbewerten. Vor Parteitagen wird der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Trittin schon mal leicht zum Schlechte-Laune-Jürgen.

Mit FRITZ KUHN
sprach Stefan Vetter