Innenminister Nicolas Sarkozy sagte, die Nacht sei insgesamt "ein wenig besser" verlaufen als die Nächte zuvor. Wie die Justizbehörden erst gestern bekannt gaben, griffen Vermummte am Mittwochabend einen Bus an und fügten dabei einer Behinderten schwere Brandverletzungen zu.
In der Nacht zu gestern verzeichneten die Behörden in der französischen Provinz fernab der Hauptstadt insgesamt 77 brennende Fahrzeuge, davon sieben in Dijon und dem umliegenden burgundischen Bezirk Côte d'Or, acht im Département Bouches-du-Rhône um Marseille und neun im normannischen Bezirk Seine-Maritime. In Neuilly-sur-Marne im Osten von Paris wurden Polizeifahrzeuge mit Schrotladungen beschossen. In anderen Pariser Vorstädten bewarfen Unbekannte erneut Busse, Feuerwehrautos und Polizeiwagen mit Steinen. Sarkozy sprach von "perfekt organisierten" Krawallen. Die Vorfälle hätten "nichts Spontanes", sagte er im Fernsehen. Die Kommunistische Partei und der Grünen-Politiker Noël Mamère forderten seinen Rücktritt. Allein im bislang am schwersten betroffenen Département Seine-Saint-Denis im Nordosten von Paris waren 1300 Sicherheitskr&au ml;fte im Einsatz, um erneute Gewaltexzesse zu verhindern. Der Bus- und S-Bahn-Verkehr in Seine-Saint-Denis wurde aus Sicherheitsgründen nahezu vollständig eingestellt, nachdem zwei Busse mit Steinen beworfen wurden.
Die schwer verletzte Behinderte war nach Angaben der Staatsanwaltschaft am Mittwochabend Fahrgast in einem Linienbus, der nur wenige Meter vom Regionalbahnhof Sevran-Baudottes entfernt in einen "Hinterhalt" geriet. In Brand gesetzte Mülltonnen versperrten die Fahrbahn. Jugendliche warfen einen Molotow-Cocktail in den Bus, worauf die rund 50 Fahrgäste in Panik aus dem Fahrzeug flüchteten. Die 56-jährige behinderte Frau konnte den Bus nicht allein verlassen, weshalb der Busfahrer zu ihr gegangen sei, um ihr zu helfen. Dabei habe ein Jugendlicher beide mit Benzin bespritzt. Die Frau erlitt Verbrennungen zweiten und dritten Grades an 20 Prozent des Körpers und wird nun in einer Spezialklinik behandelt. Der Busfahrer erlitt leichte Brandwunden sowie eine Rauchvergiftung.
In der Hauptstadtregion Ile-de-France verzeichnete die Polizei 519 brennende Fahrzeuge. In Trappes südwestlich von Paris setzten Randalierer ein Busdepot in Brand. Dort gingen allein 27 Fahrzeuge in Flammen auf. In Aulnay-Sous-Bois im Norden der Hauptstadt brannte eine Lagerhalle nieder. Jugendliche warfen in mehreren Vorstädten Brandbomben auch auf Rathäuser, Schulen und Polizeiwachen.
Trotz der zahlreichen Sachbeschädigungen gab es weniger direkte Zusammenstöße zwischen Polizei und Randalierern als in den vergangenen Gewaltnächten. Dies wertete Sarkozy als Erfolg. Seine große Sorge sei, dass es dabei "keine Dramen" gebe, wie sie Frankreich in den vergangenen 20 Jahren erlebt habe, sagte der Minister im südfranzösischen Sophia-Antipolis. Er traue sich aber nicht zu sagen, dass die Gewalt auf dem Rückmarsch sei, fügte er hinzu.
Auslöser der Krawalle war der Tod zweier Jugendlicher in Clichy-sous-Bois am Donnerstag vergangener Woche gewesen. Die Jungen hatten sich vor der Polizei in einem Transformatorenhäuschen versteckt und dort tödliche Stromschläge erlitten. Offenbar waren die beiden nicht direkt von der Polizei verfolgt worden; Beamte kannten aber ihr Versteck. Die Staatsanwaltschaft Bobigny ermittelt wegen unterlassener Hilfeleistung.
(AFP/roe)