Ein Franzose auf dem Weg zu einer Anti-Kriegs-Kundgebung in Paris. „Die USA sind für die Welt, was Saddam für den Irak ist: Diktatoren“ steht auf seinem Plakat.Als starke „Antikriegsachse“ zwischen Paris, Berlin und Moskau lobten Frankreichs Medien die anlässlich des Besuchs des russischen Präsidenten Wladimir Putin zustande gekommene Bemühung der drei Länder, einen Krieg durch die Verstärkung der Inspektionen nach Massenvernichtungswaffen zu verhindern und auch das Nato-Nein Frankreichs, Deutschlands und Belgiens zur vorzeitigen militärischen Absicherung der Türkei im Kriegsfalle tat sein Übriges: Niemals hatte der für seine diplomatischen Jongleur-Talente oft berüchtigte französische Staatspräsident Jacques Chirac so viel Unterstützung auf seiner Seite. Die linke Opposition unterstützt ohne jegliche Kritik seinen Kurs, fast euphorische Zustimmung kommt selbst aus dem ungeliebten Lager der Rechtsextremisten von Jean Marie Le Pen und das Wahlvolk verteilt ausnahmslos sehr gute Noten.

80 Prozent gegen Angriff auf Irak
Im Krieg gegen den Krieg hat Chirac offenbar auf allen Seiten gewonnen: Über 80 Prozent der Franzosen sind gegen einen Militärangriff und mittlerweile davon überzeugt, dass Frankreich von seinem Veto-Recht im UN-Sicherheitsrat Gebrauch machen sollte, Front also gegen die Amerikaner in einem Land, das nach der Einführung von US-Strafsteuern gegen französische Käse- und Trüffelspezialitäten und Wildwuchs von McDonalds-Filialen noch nie sonderlich amerika-freundlich war. Genüsslich nutzen die Zeitungen täglich die missglückte Rumsfeld-Äußerung vom „alten Europa“ und schreiben, es sei auf dem Weg, sich gegen das „neue Amerika“ durchzusetzen. Ironie heißt das Gebot der Stunde, in der aktuellen Ausgabe des „Le Parisien“ beispielsweise, der eine Karikatur von US-Spitzenpolitikern ausbreitet, die sich anschicken, dem „alten Europa“ den Krieg zu erklären, „um Saddam Hussein zu beweisen, dass wir es ernst meinen“.

Riesendemonstration in Paris
Tief sitzen die Zweifel gegen die USA bei den Franzosen, denn fast 70 Prozent sind der Meinung, der neueste Dauerzwist zwischen Frankreich und den USA sei „eine gute Sache, um Frankreichs internationale Position weltweit zu stärken.“ Nur 14 Prozent der Befragten beurteilten die „Beweise“ von US-Außenminister Colin Powell vor dem Sicherheitsrat als „überzeugend“. Viele von ihnen bereiten sich bereits jetzt auf eine der größten Anti-Kriegs-Demonstrationen in Frankreich am kommenden Wochenende vor.
Vereinzelt zeigen jetzt schon Plakate, wie man den transatlantischen Partner einschätzt: Ein Foto von Bush, SS-Helm auf dem Kopf, „Festnehmen“, lautet der Text, „Der Mann ist gefährlich“. Fazit des Direktors des renommiertesten Umfrage-Instituts BVA, Gael Sliman: „Chirac und die französische Regierung sind in ihrer antiamerikanischen Haltung in punkto Irak soweit gegangen, dass eine Änderung dieses Kurses ohne gewaltige Popularitätsverluste nicht mehr möglich ist.“ Zähneknirschen, Gänsehaut und kalte Schauer auf dem Rücken bereitet der neue antiamerikanische Kurs von Frankreichs Regierung bislang offenbar nur politischen Analytikern und etlichen Intellektuellen. „Frankreich geht immense Risiken ein und wird aus dieser Krise eventuell äußerst geschwächt vorgehen“, erklärte Francois Heisbourg, Direktor des Rates f*am p*uuml;r strategische Recherchen der Zeitung „Le Parisien“.
Warnungen auch von zahlreichen anderen Experten. Sie reichen von der Befürchtung, Frankreich könnte sich international jahrelang isolieren über die Tatsache, seine bislang politisch partnerschaftlichen Beziehungen zu den USA nachhaltig zu beschädigen bis hin zu der Gefahr, Paris könne sich eines Tages dem Vorwurf ausgesetzt sehen, mit seiner Anti-Haltung die Autorität internationaler Institutionen wie der Uno und der Nato beschädigt zu haben.

Das diplomatische Karussell routiert
„Die USA werden sich von Frankreich immer verraten fühlen und eines Tages behaupten, dass Paris Irak den USA vorzieht, Saddam Hussein George W. Bush und die arabische Welt Israel“, erklärte Alain Besancon vom französischen Institut für Diplomatie und Verteidigung der Zeitung „Le Figaro“. Das diplomatische Karussell dreht sich immer schneller.