Nordafrikanische Flüchtlinge, die auf dem Weg der Hoffnung elendig im Mittelmeer ertrinken oder verdursten - solche Dramen sind dem Papst ein schmerzender "Dorn im Herzen".

Kein Wunder also, dass der Mann der großen Gesten seine erste Reise aus dem Vatikan auf die italienische Flüchtlingsinsel Lampedusa macht. Dort geißelt Franziskus den beschämenden Egoismus der heutigen Welt, klagt eine "Globalisierung der Gleichgültigkeit" an und verlangt ein sich aufbäumendes Gewissen der reichen Nationen, "damit sich das, was passiert ist, nicht wiederholt." Seinen Herrgott bittet Franziskus vor allem darum, den Menschen ihr empfindungsloses Herz zu vergeben.

Lampedusa, vor der tunesischen Küste gelegen und zu Sizilien gehörend, ist ein Ort der Symbolkraft für den Mann aus Buenos Aires. Näher an Afrika als an Europa gelegen, steht die Insel für das, was die katholische Kirche bestellen muss: "Auf zu den Peripherien dieser Welt", hatte er erst am Sonntag wieder in Rom gefordert. Franziskus will eine "arme Kirche der Armen", er ruft seine Priester auf, an den Rand der Gesellschaft zu gehen und dort zu helfen und den Glauben zu verbreiten.

Auch das 20 Quadratkilometer große Lampedusa ist ein solcher Rand, an dem Tausende Menschen aus dem Süden stranden und den viele in ihrem Überlebenskampf gar nicht erreichen.

Eine Notiz über einen jüngsten dramatischen Schiffbruch hat den Papst bewogen, Lampedusa noch vor seiner ersten langen Reise zum Weltjugendtag nach Rio später im Juli anzusteuern - und eindringlich eine Abkehr von egoistischer "Wohlstandskultur" zu fordern. Zahlreich sind bereits die Ermahnungen des argentinischen Jesuiten an seine zu verknöcherte Kirche. Er predigt aber nicht nur von Moral und Öffnung im Petersdom, er macht es auch selbst - und lebt es seiner Kirche vor.

Sein Vorgänger Benedikt XVI. hatte als erstes Ziel an einem Kirchenkongress in Bari teilgenommen. Das Herz des neuen Papstes schlägt für die Millionen Flüchtlinge auf der Welt, er kommt ihnen mit dem Besuch auf der Insel entgegen. Von einem Patrouillenboot der italienischen Küstenwache aus übergibt Franziskus dem oft mörderischen Meer einen Blumenkranz und betet für die Opfer, die das gelobte Europa nicht erreichen konnten. Allein dieses Boot der Küstenwache hat in den vergangenen Jahren geholfen, etwa 30 000 Migranten aus Seenot oder vor dem Verdursten zu retten. Fischerboote begleiten den Papst bei seiner Fahrt aufs Meer, die Insel hatte dem Besuch aus Rom entgegengefiebert. Lächelnd geht Franziskus auf der Mole dann auf junge Migranten zu, spricht ein paar Worte mit ihnen.

Franziskus setzt in seiner Messe aber auch einen politischen Akzent: Zu den Dramen auf dem Meer trügen soziale und wirtschaftliche Weichenstellungen bei. Der Herrgott möge also auch denen vergeben, die mit politischen Entscheidungen weltweit zu solchen Entwicklungen beitrügen. Ein Europa, das sich abschotte, das den Flüchtlingen einen normalen, legalen Weg verbaue, zwinge Armutsmigranten dazu, ihr Leben zu riskieren, erläutert der Chef des Flüchtlingsrates CIR in Italien, Christopher Hein.

Lampedusa, Durchgangslager mit recht beschränkter Kapazität, droht bei jeder Migrantenwelle aus den Nähten zu platzen. Doch auch für die Inselbewohner bedeuten die Worte des Papstes Ermutigung und Anerkennung.