"Der Papst wird jedes Wort seiner Reden genau abklopfen", meint ein Vatikankenner in Rom. "Ein falsches Wort, und das Verhältnis zum Islam steht in Flammen."
"Ich reise in die Türkei, betet für mich", so fassten gestern türkische Zeitungen die Papstworte beim Sonntagsgebet in Rom zusammen. Jubelnde Menschenmassen werden in Ankara, Ephesus und Istanbul nicht erwartet, auch keine Messen vor Millionenpublikum. Stattdessen ist während des viertägigen Aufenthaltes (bis 1. Dezember) die höchste Sicherheitsstufe angesagt - wie zuletzt vor zwei Jahren, als US-Präsident George W. Bush nach Ankara kam. Die Alitalia-Maschine des Oberhauptes der römisch-katholischen Kirche wird von Abfangjägern der türkischen Luftwaffe eskortiert. In einer gepanzerten Limousine wird Benedikt nach der Ankunft in Ankara durch die Stadt fahren. Dort sind Scharfschützen postiert.

Versöhnliche Signale
Sowohl im Vatikan als auch in der türkischen Hauptstadt Ankara sind versöhnliche Signale ganz in den Vordergrund getreten. Außenminister Abdullah Gül sprach von der Hoffnung, dass der Besuch helfen könnte, "die Missverständnisse zwischen Muslimen und Christen auszuräumen". In der Türkei und im Vatikan wurde mit Genugtuung registriert, dass zum Anti-Papst-Protest am Sonntag in Istanbul nicht Hunderttausende, sondern gerade einmal 30 000 Menschen zusammengekommen waren.
In der Türkei reift die Erkenntnis, dass der Papstbesuch von den Europäern als Lackmustest für die "EU-Reife" des Landes und die beanspruchte Rolle eines Vermittlers zwischen den Kulturen gesehen wird. Nicht zuletzt deshalb wird der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdogan sich mit dem Papst treffen - wenn auch nur für 15 Minuten am Flughafent, bevor er gleich darauf zum Nato-Gipfel nach Riga fliegt.
Benedikt äußerte den Wunsch, in Istanbul nicht nur die altehrwürdige Hagia Sophia, das bedeutendste Bauwerk der byzantinischen Kunst, sondern auch eine Moschee zu besuchen - die "Blaue Moschee", die der ehemals größten Kirche der Christenheit direkt gegenüberliegt. Doch der Papst will es sich nicht nehmen lassen, auch kritische Themen anzuschneiden, etwa die Frage der Religionsfreiheit in dem Land mit über 99 Prozent Muslimen.
Viele Muslime haben nicht vergessen, dass der Papst seine umstrittenen Regensburger Äußerungen zum Thema Islam und Gewalt nicht zurückgenommen hat. Stattdessen hatte er bedauert, dass seine Rede missverstanden worden sei. Der Papst hatte im September an der Universität Regensburg den byzantinischen Kaiser Manuel II. Palaiologos (1391-1425) mit den Worten zitiert, der Prophet Mohammed habe "nur Schlechtes und Inhumanes" gebracht.
Der streitbare Präsident der türkischen Religionsbehörde, Ali Bardakoglu, macht jedenfalls keinen Hehl daraus, dass eine förmliche Entschuldigung Benedikts besser gewesen wäre, um die Wogen zu glätten.

Istanbul wird der Höhepunkt
Höhepunkt der Reise aber ist Istanbul, das alte Konstantinopel, vormals Byzanz, die Stadt zwischen Morgenland und Abendland - und Sitz des orthodoxen Patriarchen Bartholomäus I. Bereits seit seiner Wahl bekräftigt Benedikt immer wieder, wie ernst es ihm mit der Ökumene sei. Auch Bartholomäus gilt als Mann ohne Berührungsängste.
Seit Jahren gab es zwischen Rom und den Kirchen im Osten keinen echten Schritt zu mehr Gemeinsamkeit. In Istanbul soll es eine gemeinsame Erklärung geben. Das könnte nun ein erster Schritt sein, Bewegung in die Thematik zu bringen.