Im Gegensatz zum Haus im oberbayerischen Marktl/Inn, wo Joseph Ratzinger am 16. April 1927 geboren wurde und das inzwischen eine turbulente Pilgerstätte geworden ist, herrscht himmlische Ruhe im idyllischen Schweinitz-Tal. Gleich gegenüber der kleinen Dorfkirche von Deutschneudorf befindet sich die Werkstatt vom Papstdrechsler Hartmut Hennig. Hier erblicken Miniaturen das Licht der (Spielzeug-)Welt. Die Tradition lebt in Engeln, Waldarbeitern oder Kräuterweibln. Zeitgeist dagegen versprühen Polizisten mit einem Radargerät, Harry Potter oder am Schreibtisch schlafende Beamte. Tradition und Zeitgeist vereint die neueste Figur: der Papst. Innerhalb weniger Wochen schaffte er es, unter die Top-Ten auf der Beliebtheitsskala der rund 200 in aller Welt bekannten Hennig-Figuren zu kommen. Ununterbrochen klingelt deshalb in der Drechselstube das Telefon: Gläubige und Verehrer bestellen ihren, u nseren Papst. "Nur der Vatikan hat sich noch nicht gemeldet", meint der Christ schmunzelnd. Aus 14 Teilen besteht die Figur, die in liebevoller Handarbeit hergestellt wird. So, wie das üblich ist in der Firma Hennig, die vor über 85 Jahren vom Großvater Gerhard Kaden in Deutschneudorf gegründet wurde. In zweiter Generation übernahm Schwiegersohn Günter Hennig in den fünfziger Jahren die Werkstatt, wo der Spielzeugmachermeister heute noch arbeitet. Zwar hat er inzwischen das Zepter übergeben, doch ein Leben ohne Miniaturen kann sich der 77-Jährige nicht vorstellen.
Das war bei seinem einzigen Sohn zeitweise anders. Verunsichert durch die Wende fuhr Hartmut Hennig 1990 mit seinem Trabi nach Bayern und wurde zufällig etwa 20 Kilometer vom Geburtshaus des heutigen Papstes sesshaft. Zehn lange Jahre. Arbeit als Ingenieur für Holztechnik fand er schnell. "Aber im Herzen fehlte mir schon mein Erzgebirge", gibt der Lokalpatriot zu. Deshalb kehrte er im Jahre 2000 in seine Heimat zurück und übernahm die ehrwürdige Familien-Firma. Er möchte in dieser schnelllebigen Zeit nicht alles anders machen als sein Vater. Deshalb knüpft Hartmut Hennig bewusst an die zum Teil 50 Jahre alten Traditionsfiguren an. Aber hellhörig ist der Chef von fünf Angestellten inzwischen trotzdem, wenn Neues auf der Weltbühne passiert. Als Joseph Kardinal Ratzinger zum Papst gewählt wurde und daraufhin seine Geburtsstadt Marktl Kopf stand, setzte es sich der gelernte Holzspielzeugmacher in den Kopf, den heiligen Vater zu drechseln. Zunächst studierte der Evangelikale die Gesichtszüge und die Körpersprache des Oberhauptes der katholischen Kirche. Danach entwickelte Hartmut Hennig mehrere Entwürfe, bis er sich schließlich für den heiligen Vater in seiner heutigen Form entschied. Für neun Euro kann man ihn nun zu sich nach Hause holen.