Die junge Frau aus Köln war jahrelang von ihrem Onkel sexuell missbraucht worden. Lange Zeit konnte sie nicht darüber sprechen. Inzwischen ist der Fall verjährt. Doch ein wenig Hoffnung hat sie: Vielleicht wird sie noch Geld für eine Therapie bekommen.

Solche Geschichten gibt es tausendfach. Ob sie ein gutes Ende nehmen, den Opfern also tatsächlich geholfen wird, hängt nicht unwesentlich vom Runden Tisch Missbrauch ab. Das Gremium, das im Frühjahr vergangenen Jahres seine Arbeit aufnahm, will in seinem Abschlussbericht eine Reihe von Empfehlungen aussprechen. Es wird die fünfte Sitzung sein des „Runden Tisches sexueller Kindesmissbrauch in Abhängigkeits- und Machtverhältnissen in privaten und öffentlichen Einrichtungen und im familiären Bereich“ – so der offizielle Titel. 60 Fachleute aus Politik und Verbänden, Kirchen, dem Sport und der Wissenschaft haben anderthalb Jahre lang beraten. Am Anfang war die Skepsis groß.

Erfahrene Politikerinnen reagierten verschnupft, als Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) einen Runden Tisch vorschlug und so tat, als erfinde sie das Rad neu. Denn schon 2003 war eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe zu sexuellem Missbrauch eingerichtet worden.

„Der Runde Tisch hat nicht bei Null angefangen“, betont die Bundestagsabgeordnete Marlene Rupprecht, die für die SPD-Fraktion am Runden Tisch sitzt. Auch Beratungsstellen betrachteten das neue Gremium, in dem kein Betroffener vertreten war, kritisch. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) sorgte sich ebenfalls, dass mehr über Gesetze und Institutionen geredet werde als mit den Betroffenen. „Die Opfer müssen im Mittelpunkt stehen“, verlangte der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider. Die Kritiker fanden bei Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP), Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) und Schröder, die den Runden Tisch gemeinsam leiten, zum Teil Gehör. Im Mai 2010 wurde der Deutsche Behindertenrat als Teilnehmer eingeladen, im November hörte der Runde Tisch Opfer an. Die Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Christine Bergmann (SPD), trug am Runden Tisch vor – und brachte auf diese Weise die Sicht der Betroffenen ein. Die prominente Besetzung des Runden Tisches bewertet Rupprecht rückblickend als Gewinn. Keine Institution habe sich herausziehen können.

Einige handfeste Ergebnisse gibt es tatsächlich. Institutionen, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, müssen sich an neuen Leitlinien orientieren. Die Verjährungsfrist bei sexuellem Missbrauch wird deutlich verlängert. Für die Forschung wurden 30 Millionen Euro bereitgestellt. Betroffene, deren Fälle verjährt sind, werden sich voraussichtlich an eine Clearingstelle wenden können, um Geld für Therapien oder andere Hilfen zu erhalten. „Der Runde Tisch konnte eine Richtung vorgeben, aber die Arbeit muss weitergehen“, sagt Rupprecht. Wie mit künftigen Opfern umgegangen wird, sei völlig unklar.