De r Europäischen Union verschlug es erst einmal die Sprache. Nach der Ankündigung einer Volksabstimmung über die Euro-Rettung durch Griechenlands Regierungschef Giorgos Papandreou blieb die EU-Kommission in Brüssel lange stumm. Es war nicht nur die Kombination von Reformationstag und Allerheiligen mit vielen verwaisten Büros in den europäischen Machtzentralen: Papandreou hatte seine Gegner daheim, aber auch seine Freunde in Europa kalt erwischt.

Nicht einmal eine Woche nach dem Euro-Krisengipfel, der zumindest für eine Weile mehr Ruhe in den Kampf um die Stabilisierung der Gemeinschaftswährung bringen sollte, waren die Schreckensbilder wieder da: Dazu gehört nicht nur ein bankrottes Griechenland, das bei einem Nein zu Papandreous Referendum mit hoher Wahrscheinlichkeit aus dem Euro ausscheiden müsste. Fast noch größerer Horror treibt die Euro-Verantwortlichen um, wenn sie über die möglichen Folgen einer Griechenland-Pleite für andere Euro-Staaten nachdenken.

Griff zum letzten Mittel

Papandreou, der schon in den vergangenen Monaten mit verschiedenen Optionen für Volksabstimmungen spielte, will genau diese Katastrophe vermeiden. Doch er wandelt mit dem Mut der Verzweiflung auf einem schmalen politischen Grat. Voraussichtlich bis Anfang des kommenden Jahres schwebt Papandreou noch in akuter Absturzgefahr. Dann soll schließlich das Kleingedruckte für das neue Euro-Hilfspaket von insgesamt 130 Milliarden Euro ausgehandelt sein, und dann kann Papandreou die Frage aller Fragen an sein Volk formulieren.

Am vergangenen Donnerstag hatten die 16 anderen Euro-Länder die neuen Hilfe zugesagt, von Volksabstimmung in Griechenland war noch keine Rede. Die Banken hatten auf die Hälfte der griechischen Schulden verzichtet – rund 100 Milliarden Euro. Im Gegenzug hatte Papandreou die Fortsetzung der Sparpolitik versprechen müssen. Und zugleich musste er in ein „verstärktes Überwachungsregime im Zusammenhang mit der Erfüllung der griechischen Pflichten“ (so Bundeskanzlerin Angela Merkel) einwilligen. Die „Troika“ der Geldgeber – EU, Europäische Zentralbank und Internationaler Währungsfonds – installiert ihre Kontrolleure dauerhaft in Athen. Das ist ebenso wenig populär wie die drastischen Einschränkungen des jahrelangen Leih-Wohlstands, die Papandreou seinen Landsleuten verordnete.

Mit der Volksabstimmung, so sehen es EU-Diplomaten, greift Papandreou zum letzten Mittel. Finanzminister Evangelos Venizelos hatte das Dilemma so auf den Punkt gebracht: „Ich kann diese Umfragen nicht mehr sehen, wonach die Mehrheit gegen das Rettungsprogramm ist, aber eine Mehrheit auch für den Verbleib in der Eurozone ist.“ Anschließend begab er sich mit Magenbeschwerden in eine Klinik.

Wackelkandidaten Südländer

Sollten die Griechen auch weiterhin zwar den Euro, aber keine Einschränkungen wollen und deswegen bei dem Referendum Nein sagen, so ist die Katastrophe vorhersehbar: Dem Staat geht das Geld aus, nicht nur viele Banken gehen pleite – und Griechenland wird auch ohne Euro noch viele Jahre lang kein Geld mehr zu halbwegs vernünftigen Konditionen mehr leihen können. Denn im Gegensatz zu Argentinien, das 2002 zahlungsunfähig wurde und dann dank seiner Rohstoffe und Agrarexporte wieder gesundete, ist Griechenland von Dienstleistungen und Importen abhängig.

Für die 17 Euro-Staaten und die EU ist vor allem die politische Ungewissheit quälend – ganz abgesehen davon, dass in der Eurozone institutionell die Pleite eines Euro-Staates gar nicht vorgesehen ist. „Wir erwarten von allen Ländern der Eurozone, dass sie die eingegangenen Verpflichtungen erfüllen“, meldete sich der britische Außenminister William Hague. Die Belehrung aus Großbritannien, das dem Pfund stets treugeblieben ist, ist nicht unbegründet: Eine Pleite Griechenlands könnte das Vertrauen der Finanzmärkte in alle „Wackelkandidaten“ der Eurozone weiter erschüttern. Vor allem für die anderen „Südländer“ – Portugal, Spanien und auch Italien – könnte dann der Druck deutlich zunehmen.