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| 09:01 Uhr

Lausitzer Abgeordneter verbreitet Vorfall dennoch als Tatsache
Zweifel an Wolfsangriff auf Menschen

Das Symboltoto zeigt einen Wolf im Wildpark Eekholt. Wolfsgegner versuchen mal wieder, das geschützte Tier ins Jagdrecht aufzunehmen.
Das Symboltoto zeigt einen Wolf im Wildpark Eekholt. Wolfsgegner versuchen mal wieder, das geschützte Tier ins Jagdrecht aufzunehmen. FOTO: dpa / Carsten Rehder
Hannover/Bautzen. In Niedersachsen soll ein Wolf einen Menschen angegriffen haben – angeblich, denn alle Untersuchungen konnten bisher keinen Beleg dafür liefern. Der Lausitzer Bundestagsabgeordnete Karsten Hilse (AfD) verbreitet den Angriff dennoch als Tatsache.

Für den vermuteten Angriff eines Wolfes auf einen 55-Jährigen in Steinfeld nordöstlich von Bremen haben Wissenschaftler keinen Beleg gefunden. Der Gemeindemitarbeiter hatte angegeben, er sei am Dienstag voriger Woche auf einem Friedhof von einem Wolf oder wolfsähnlichen Tier gebissen worden. Er hatte die Wunde nach dem Biss zunächst selbst versorgt und war erst einen Tag später zum Arzt gegangen. Wie das niedersächsische Umweltministerium mitteilte, wurden sieben Proben, die am Tag nach dem Biss genommen wurden, auf DNA-Spuren geprüft – keine enthielt einen Nachweis für einen Wolf. „Wir können aber nicht ausschließen, dass ein Wolf in Betracht kommt“, sagte Umweltminister Olaf Lies (SPD) am Dienstag. Die Proben seien erst am Mittwoch nach Reinigung der Wunde genommen worden. „Ich hätte mir ein klareres Ergebnis gewünscht.“

Trotz dieser bekannten Zweifel verbreitet der Bundestagsabgeordnete Karsten Hilse (AfD) am Dienstag über sein Büro in Bautzen eine Erklärung, in der es unter anderem heißt: „Vor wenigen Tagen biss ein ‚Wolf’ einen auf einem Friedhof arbeitenden Gärtner in Niedersachsen in die Hand bzw. den Unterarm.“ das Tier habe sich „unbemerkt genähert und fiel den Mann an, als das Wolfsrudel, das aus drei weiteren Tieren bestand, mit einigem Abstand das Geschehen verfolgte“. Hilse spricht vom „ersten Vorfall dieser Art seit 1860“ und malt damit zugleich eine Bedrohungslage an die Wand, vor deren Hintergrund er Thesen zu einer „Hybridisierung von Wölfen mit verschiedenen Hunderassen“ verbreitet.

Die Ermittler in Niederdachsen versuchen derweil, den Vorfall möglichst weit aufzuklären. Dazu will das Land das Wolfsrudel in der am Moor gelegenen Gemeinde mit Sendern ausstatten lassen, um herauszufinden ob sich die Raubtiere Menschen nähern. Die Wölfe - vermutlich zwei Eltern- und sieben Jungtiere – müssen dazu mit Fallen gefangen werden. „Ich will nicht ausschließen, dass die Besenderung Wochen oder Monate dauert“, sagte der Minister. Gleichzeitig werde weiterhin geprüft, ob ein freilaufender Hund für den Angriff verantwortlich sein könnte.

Der 55-Jährige hatte bei Arbeiten an einem Zaun nach hinten gegriffen, als seine Hand plötzlich festgehalten wurde. Er blickte sich um und meinte, einen Wolf zu sehen, der zugeschnappt hatte. Drei weitere Tiere hätten die Aktion mit etwas Abstand beobachtet. Dann habe er sich aber befreien und die mutmaßlichen Wölfe mit einem Hammer vertreiben können. Es wäre der erste Angriff eines Wolfes auf einen Menschen in Deutschland seit Rückkehr der Tiere.

Am Tag danach wurden auf dem Friedhof in Steinfeld von Mitarbeitern des niedersächsischen Wolfsbüros Tierhaarproben genommen. Darüber hinaus wurde der Pullover des Mannes sowie der Hammer auf DNA-Spuren untersucht. Bei zwei Speichelproben vom Pullover wurde laut Ministerium Katze, bei einer weiteren Katze und Hund identifiziert. Die Tierhaare vor Ort stammten von einem Reh, auf dem Hammer fanden sich keine Spuren. Der Abschlussbericht des Senckenberg-Instituts in Gelnhausen wird am Freitag erwartet. Es ist für alle genetischen Untersuchungen zum Thema Wolf in Deutschland zuständig.

Bei einem Nachweis des Wolfes wäre das Tier und möglicherweise das ganze Rudel getötet worden. Niedersachsens Umweltminister Lies setzt sich schon länger für eine stärkere Kontrolle der Wölfe ein. Es müsse geprüft werden, „ob und ab wann die Aufnahme des Wolfes in das Jagdrecht helfen kann, um beispielsweise Fragen von Zuständigkeiten und Befugnissen zu lösen“, sagte Lies am Dienstag der Deutschen Presse-Agentur.

Der Bundestagsabgeordnete Karsten Hilse fordert derweil unter Berufung auf den wolfskritischen Verein „Sicherheit und Artenschutz“ alle Wolfsschädel der Senckenberg Naturkundemuseum in Görlitz. Sollte sich dabei Hinweise auf eine „Hybridisierung im deutschen Wolfsbestand“ zeigen, müsse der „Schutzstatus der Wolfspopulation in Deutschland neubewertet und geändert werden“.

Sollte der Wolf in das Jagdrecht aufgenommen werden, könne er aber nicht automatisch bejagt werden. Bundesweit gibt es 73 Wolfsrudel, in Niedersachsen sind es etwa 20 mit insgesamt 200 bis 250 Tieren.

(dpa/bob)