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| 18:05 Uhr

Tiere und Landwirtschaft
Wenn sensible Kühe angreifen

 NEU_ gepixelt_ARCHIV - 01.10.2013, Baden-Württemberg, Schrondorf: Kühe stehen auf einer Wiese. Die Kuh als Klimakiller: Die Wiederkäuer produzieren Methan, und das ist noch viel klimaschädlicher als CO2.(zu dpa "Kuh, Moor, Mensch: wie Klimaschutz bei Landnutzung gelingen kann") Foto: Franziska Kraufmann/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
NEU_ gepixelt_ARCHIV - 01.10.2013, Baden-Württemberg, Schrondorf: Kühe stehen auf einer Wiese. Die Kuh als Klimakiller: Die Wiederkäuer produzieren Methan, und das ist noch viel klimaschädlicher als CO2.(zu dpa "Kuh, Moor, Mensch: wie Klimaschutz bei Landnutzung gelingen kann") Foto: Franziska Kraufmann/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ FOTO: dpa / Franziska Kraufmann
Ulm/Wittichenau. Immer wieder kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen Rindvieh und Mensch. Ein Experte erklärt, warum.

Auf einer Almweide provoziert ein Mann mit seinem Hund eine Kuh – das zeigt ein Video, aufgenommen in den Stubaier Alpen. Seit Mitte Juli verbreitet es sich rasant in den sozialen Netzwerken. Die Tiroler Landwirtschaftskammer (LK) ist empört: „Bei solchen Bildern kann ich nur den Kopf schütteln. Hier werden nicht nur alle Verhaltenstipps ignoriert, sondern offenbar ist auch der Hausverstand im Tal geblieben“, sagte LK-Präsident Josef Hechenberger.

Bei einem aktuellen Fall in Bayern geriet ein erfahrener Bauer in Lebensgefahr, als er ein Kalb markieren wollte. Ein wild gewordener Stier tötete ihn und dessen Vater. In Wittichenau attackierte ein Wasserbüffel im Juli einen Landwirt und verletzte ihn schwer (LR berichtete).

Immer wieder werden auch Wanderer von Kühen angegriffen, teils mit tödlichem Ausgang: 2014 wurde ein oberbayerischer Bauer von seinen eigenen Rindern getötet, 2017 starb eine 70-Jährige oberhalb der Kranzhornalm nach einem Kuhangriff und erst vor ein paar Wochen wurde im Landkreis Lörrach eine 69-Jährige schwer verletzt. Bei dem Versuch, ein verirrtes Kalb zu seiner Mutter auf die richtige Weide zu bringen, geriet die Mutterkuh in Rage und attackierte die Frau.

Schätzungen zufolge kommt es in Deutschland rund 5000 Mal im Jahr zu Zusammenstößen zwischen Kuh und Mensch. Einer von 1000 Fällen endet tödlich. In Österreich sind die Zahlen noch höher. Aufsehen über die Grenzen von Tirol hinaus erregte 2014 ein Kuhattacke im Pinnistal, bei der eine deutsche Urlauberin von einer Kuhherde totgetrampelt wurde. Im Februar dieses Jahres wurde der Bauer am Landgericht Innsbruck zur Zahlung von rund 490 000 Euro verurteilt. Sollte das Urteil in den folgenden Instanzen bestätigt werden, könnte das weitreichende Folgen für Tourismus und Landwirtschaft haben: Es geht bei der Debatte um Fragen nach der Eigenverantwortlichkeit von Wanderern, um Wanderwege durch Weiden und Almen, die möglicherweise gesperrt werden und um die Frage, wie sich Freilandhaltung von Vieh künftig praktizieren lässt.

„Die ganze Debatte geht an der Wirklichkeit vorbei, jedenfalls wenn wir die Form der alpenländischen Weide auch künftig haben wollen“, sagt Volker Dippel von der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forst und Gartenbau in Kassel. In Seminaren erklärt er angehenden Landwirten und Viehhaltern, wie ein Rind die Welt sieht. „Die Kuh ist im Verhalten ein richtiges Sensibelchen“, sagt er. Und alles, was das Rind nicht kennt, kann es stressen: aufreizende Gerüche, unbekannte Geräusche, Hitze. „Am liebsten hat es das Rind, wenn man ihm den Tag so langweilig wie möglich gestaltet“, sagt Dippel.

Langweilig wird es den Kühen auf den saftigen Weiden der Almen zur Wandersaison aber sicherlich nicht. Schon nach dem Vorfall 2014 im Pinnistal gab die Landwirtschaftskammer in Tirol zusammen mit den Tourismusverbänden Verhaltensregeln für Wanderer heraus: Abstand halten, besonders wenn Kühe Kälber führen; Hunde anleinen, bei unmittelbarer Bedrohung aber freilassen.

Die damalige österreichische Tourismusministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) legte im Frühjahr 2019 einen „Aktionsplan für sicheres Almen“ vor. Die neuen Leitlinien wie Wanderer sich in der Nähe von Weidevieh zu verhalten haben, sollen nicht nur empfehlenden Charakter haben. Wer sich nicht an den Verhaltenskodex halte, für den habe das im Schadensfall rechtliche Konsequenzen. Auch die Bauern reagierten und brachten Warnhinweise an: Vorsicht Mutterkuh! „Der Hauptgrund von Verletzungen oder gar Todesfällen ist in der Regel eine Fehlinterpretation von Verhaltensweisen der Kühe, mangelndes Wissen und Fehler in der Mensch-Tier-Kommunikation“, sagt Lea Schmitz vom Deutschen Tierschutzbund. „Wenn Kühe angreifen, dann meistens deshalb, weil sie sich bedrängt fühlen, Stress ausgesetzt werden oder ein Herdenmitglied oder das eigene Kalb schützen möchten“, so Schmitz. Besonders Mutterkühe hätten einen ausgeprägten Schutzinstinkt.

Der Kuhversteher Dippel rät, bei Herden mit Jungtieren einen großen Bogen um die Weide zu machen. Die Verantwortung, findet er, liege bei den Wanderern, nicht beim Landwirt. „Es gibt ja auch keine Schilder vor Wäldern, auf denen Wanderer vor möglicherweise herunterfallenden Ästen gewarnt werden. Ich sehe ein grundsätzliches Problem darin, ausschließlich Landwirte für Folgen verantwortlich zu machen“, so Dippel.

Die friedliche Kuh bekäme zu Unrecht ein schlechtes Images verpasst, sagt Schmitz: „Sicher spielt bei diesem Thema die Medienwelt eine Rolle, so dass lokale Ereignisse, die es immer schon gegeben hat, plötzlich bundesweit wahrgenommen werden.“ So entstehe der falsche Eindruck, dass Übergriffe von Kühen häufiger passierten als früher, dass Kühe aggressiver geworden seien.

 Aufmerksamer Kuhblick: Wenn Kälber auf der Weide grasen, sollten Wanderer einen großen Bogen um die Herde machen.
Aufmerksamer Kuhblick: Wenn Kälber auf der Weide grasen, sollten Wanderer einen großen Bogen um die Herde machen. FOTO: dpa / Franziska Kraufmann
 NEU_ gepixelt_ARCHIV - 01.10.2013, Baden-Württemberg, Schrondorf: Kühe stehen auf einer Wiese. Die Kuh als Klimakiller: Die Wiederkäuer produzieren Methan, und das ist noch viel klimaschädlicher als CO2.(zu dpa "Kuh, Moor, Mensch: wie Klimaschutz bei Landnutzung gelingen kann") Foto: Franziska Kraufmann/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
NEU_ gepixelt_ARCHIV - 01.10.2013, Baden-Württemberg, Schrondorf: Kühe stehen auf einer Wiese. Die Kuh als Klimakiller: Die Wiederkäuer produzieren Methan, und das ist noch viel klimaschädlicher als CO2.(zu dpa "Kuh, Moor, Mensch: wie Klimaschutz bei Landnutzung gelingen kann") Foto: Franziska Kraufmann/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ FOTO: dpa / Franziska Kraufmann