ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 18:23 Uhr

Ein Philosoph wird 200
Wie viel Karl Marx steckt noch in Chemnitz?

 Die Porträtbüste von Karl Marx telefoniert mittels einer Licht- und Tonanimation mit Trump. Zum Abschluss eines Volksfestes anlässlich des Geburtstages von Marx wird unter dem Titel «Calling Marx» der Philosoph bei seinem Selbstgespräch immer wieder durch fiktive Anrufe von Prominenten aus Politik und Gesellschaft wie Putin, Trump, Jinping, Merkel oder sogar Klum unterbrochen. Chemnitz hieß von 1953 bis 1990 Karl-Marx-Stadt. Die mehr als sieben Meter große Porträtbüste wurde 1971 aufgestellt und wird «Der Nischel» - Synonym für Kopf - genannt. Der Geburtstag des Philosophen Karl Marx jährt sich am Samstag zum 200. Mal. Foto: Jan Woitas/dpa
Die Porträtbüste von Karl Marx telefoniert mittels einer Licht- und Tonanimation mit Trump. Zum Abschluss eines Volksfestes anlässlich des Geburtstages von Marx wird unter dem Titel «Calling Marx» der Philosoph bei seinem Selbstgespräch immer wieder durch fiktive Anrufe von Prominenten aus Politik und Gesellschaft wie Putin, Trump, Jinping, Merkel oder sogar Klum unterbrochen. Chemnitz hieß von 1953 bis 1990 Karl-Marx-Stadt. Die mehr als sieben Meter große Porträtbüste wurde 1971 aufgestellt und wird «Der Nischel» - Synonym für Kopf - genannt. Der Geburtstag des Philosophen Karl Marx jährt sich am Samstag zum 200. Mal. Foto: Jan Woitas/dpa FOTO: dpa / Jan Woitas
Chemnitz. Von Martin Kloth

Der einstige Namensgeber hat die Stadt nie besucht. Dennoch hieß Chemnitz 37 Jahre lang Karl-Marx-Stadt. Der 70. Todestag des Philosophen war Anlass für die Umbenennung, die am 10. Mai 1953 von dem damaligen DDR-Ministerpräsidenten Otto Grotewohl mit einem Staatsakt umgesetzt wurde. 1990 entschieden sich drei Viertel der Einwohner für die Rückkehr zum Namen Chemnitz. Wie viel Marx steckt denn heute noch in Chemnitz?

Das Monument: Unübersehbar. 7,10 Meter hoch, auf einem rund sechs Meter hohen Granitsockel und etwa 40 Tonnen schwer. Die zweitgrößte Porträtbüste der Welt – nur Lenins Kopf im russischen Ulan Ude übertrifft sie um 60 Zentimeter – ist als meistfotografiertes Objekt der Star der Stadt.

„Der Nischel“ oder auch „der Kopp“ wurde vom sowjetischen Bildhauer Lew Kerbel (1917-2003) geschaffen. Am 9. November 1971 wurde das Denkmal eingeweiht. Das Monument ist heute ebenso beliebter Treffpunkt wie Kulisse für Kunst und Konzerte und auch wieder Ort für Kundgebungen.

Die Kunstpreisstifter: Jürgen und Sonja Oehlschläger sind sich einig: Chemnitz und Karl-Marx-Stadt haben eine bleibende Verbindung. Die 72-Jährige findet, dass ihre Geburtsstadt ruhig den Namen des Philosophen hätte behalten können. „Es geht darum anzuerkennen, dass Marx ein kluger Kopf und Philosoph war“, sagt sie. Ihr zehn Jahre älterer Ehemann hatte einst Bedenken, eine Stadt mit mehr als 800-jähriger Geschichte umzubenennen, wenngleich er später durch das Monument seinen Frieden damit gemacht habe.

Dennoch findet er es folgerichtig, dass die Stadt wieder zurückbenannt wurde, nachdem „die Umsetzung der Marx-Theorien schiefgegangen ist“. Geblieben aber ist neben dem Denkmal eine Reliefwand mit der Marx-Forderung „Proletarier aller Länder vereinigt Euch!“. Man müsse dies nur anpassen und „Proletarier“ durch „Vernünftige Menschen“ ersetzen, sagt Jürgen Oehlschläger. Dann sei es immer aktuell.

Jürgen und Sonja Oehlschläger haben 2015 die nach dem Chemnitzer Expressionisten Karl Schmidt-Rottluff (1884–1976) benannte Stiftung gegründet und den mit 20 000 Euro dotierten gleichnamigen Kunstpreis ins Leben gerufen.

Der Stadtmanager: Sören Uhle ist Chemnitzer durch und durch – und überzeugter Karl-Marx-Städter. „Ich bin stolz, wenn ich mir meinen Ausweis angucke und da steht als Geburtsort Karl-Marx-Stadt drin“, sagt der 42 Jahre alte Geschäftsführer der Chemnitzer Wirtschaftsförderungs- und Entwicklungsgesellschaft (CWE). Karl-Marx-Städter zu sein, sei eine Identitätsfrage. Marx sei durch das Monument auch ein Baustein, der die Identität der Stadt ausmache. Man müsse sich auch bei der Stadtentwicklung dem Identitätsthema stellen. Es sei eine Alleinstellung von Chemnitz, dass die Stadt zweimal umbenannt worden ist. „Wir sind wie Phönix aus der Asche“, sagt Uhle und begründet das damit, dass die Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg und dann erneut nach der Wende jeweils „revitalisiert“ worden ist.

Die Produkte: Seit März prangt der Name Marx dort, wo man es wenig erwartet: im Namen einer Bier-Marke. Geht es nach Nicole Schwabe, ist Marx dann auch bald im Sinne des Wortes in aller Munde. Die 38-Jährige ist Geschäftsführerin der Marx Chemnitzer Bier GmbH. Die Kombination aus beiden Namen der Stadt ist kein Zufall: Es soll eine Identifikation geschaffen werden. Eine Rück-
besinnung auf den einstigen Namen der Stadt durch den Biernamen „Marx Städter“ soll es jedoch nicht sein. „Für mich ist Marx irgendwas, aber nicht Karl Marx“, sagt die frühere Chemnitzer Bierkönigin.

Beim Andenkengeschäft setzt auch die Stadt voll auf Marx: Sein Kopf ziert Kaffeetassen und Kühlschrankmagneten, in der Tourismusinformation gibt es bunte Mini-Marx-Büsten, und auf Shirts und Basecaps prangt der Schriftzug „KMST“ – geläufige Abkürzung für Karl-Marx-Stadt.

Das Fehlende: Keine Straße und kein Platz tragen in Chemnitz den Namen Karl Marx. Der ehemalige Karl-Marx-Platz hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. 1928 aus dem Johannisfriedhof hervorgegangen, wurde daraus fünf Jahre später der Schlageterplatz und nach 1945 vorübergehend wieder der Karl-Marx-Platz. Heute ist es der Platz der Opfer des Faschismus. Die Straße, die vor dem Marx-Monument entlangführt, heißt jetzt Brückenstraße – statt wie vorher Karl-Marx-Allee. „Warum gibt es zur Ehrung zum 200. Geburtstag nicht die Umbenennung einer Straße mit unbedeutendem Namen in Karl-Marx-Straße?“, fragt Jürgen Oehlschläger.

(dpa)