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| 07:45 Uhr

Mit Feuerwerk aus Kontrollen vom Hauptzollamt Frankfurt (Oder)
Vorführung in Weißkeißel beweist: Böller sind kein Kinderspielzeug

 Die Beamten des Hauptzollamtes in Frankfurt (Oder) beschlagnahmen jedes Jahr mehrere Tonnen Silvester-Feuerwerk aus Polen. Ein Video zum Thema gibt es hier: www.lr-online.de/polenböller 
Die Beamten des Hauptzollamtes in Frankfurt (Oder) beschlagnahmen jedes Jahr mehrere Tonnen Silvester-Feuerwerk aus Polen. Ein Video zum Thema gibt es hier: www.lr-online.de/polenböller  FOTO: dpa / Patrick Pleul
Cottbus/Weißkeißel. Experten vom Hauptzollamt Frankfurt (Oder) warnen vor der Benutzung von Feuerwerk aus Polen und geben Tipps für den Umgang mit legalen Krachern und Raketen. Von Bodo Baumert und Daniel Steiger

Um zu verdeutlichen, welche Gefahren von Feuerwerkskörpern ausgehen, könnten ein paar Zahlen ausreichen. Eine Handgranate enthält etwa 60 Gramm Sprengstoff, eine Silvesterrakete, wie man sie in Deutschland kaufen kann, 20 Gramm Nettoexplosivmasse. Feuerwerkskörper der Klasse 3 und 4, wie man sie in Polen frei erwerben kann, enthalten 100 und mehr Gramm. Siegmund Poloczek, Sachgebietsleiter für Kontrollen beim Zoll in Frankfurt (Oder), verweist zudem auf den DHL-Erpresser, den die Brandenburger Polizei seit einem Jahr sucht. Auch der habe Polenböller als Sprengmittel in seinen verschickten Paketbomben benutzt.

Um noch deutlicher zu werden, welches Risiko Menschen eingehen, die leichtfertig mit Feuerwerkskörpern umgehen, hat das Hauptzollamt Frankfurt (Oder) Anfang Dezember auf den Truppenübungsplatz nach Weißkeißel eingeladen. Anhand von Metallfässern, Schubkarre, Schränken und einer Waschmaschine zeigten Sprengstoffexperten eindrucksvoll, wie stark die Wirkung solcher Böller sein kann. „Alles, was wir ihnen hier demonstriert haben, wurde von uns bei Kontrollen an der Grenze gefunden“, erläuterte Poloczek. Einige Explosionen später sah das Versuchsgelände aus wie ein Schlachtfeld.

Auch Schweinefüße, an denen ein Böller festgebunden wurde, ließ der Zoll explodieren. Die Überbleibsel belegen eindrücklich, welche Verletzungen entstehen können.

Mehr Alkohol, mehr Leichtsinn

Auch wenn es in den vergangenen Jahren keine schlimmen Silvesterverletzungen am Cottbuser Carl-Thiem-Klinikum zu versorgen gab, ist die Nacht zum Jahreswechsel Vollstress für Chefarzt Olaf Konopke und sein Team von der Notaufnahme. Konopke: „Es sind vor allem Verbrennungen an den Händen, die wir behandeln müssen“, so Konopke. „Mit zunehmendem Alkoholgenuss werden die Menschen immer leichtsinniger und schätzen die Zeit vom Zünden des Böllers bis zum Loslassen falsch ein.“ Hinzu kommen vermehrt Verletzungen aus körperlichen Auseinandersetzungen.

Deutschland ist neben den Niederlanden das einzige Land in Europa, in dem der Jahreswechsel und Feuerwerk so eng verbunden sind. Deshalb gibt es auch in Europa bisher keine einheitliche Regelung zum Umgang mit Feuerwerkskörpern. Was es immerhin gibt, ist eine europaweite Klassifizierung. Von F1 bis F4 sind alle Feuerwerkskörper einheitlich erfasst und entsprechend geprüft. Die Einordnung findet sich auf der Verpackung oder zumindest in der Registriernummer; diese enthält die Kennnummer der Stelle, die die Feuerwerkskörper geprüft hat.

In Deutschland ist das die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM). Sie hat die Kennnummer 0589, die am Anfang jeder Registriernummer steht. Es folgt die Feuerwerkskategorie (F1 oder F2) und eine fortlaufende Nummer. Eine vollständige Registriernummer kann also etwa 0589-F2-1254 lauten.

Feuerwerk der Kategorie F1 und F2 ist in Deutschland ab dem 28. Dezember im zugelassenen Handel erhältlich. Es darf ab 12 beziehungsweise 18 Jahren genutzt werden. Die Kategorie F3 und F4 hingegen darf nur an Pyrotechniker abgegeben werden, die eine entsprechende Genehmigung und Ausbildung haben.

Ein Ruckler beim Autofahren und „rumms“

In Polen ist das anders. Dort ist Feuerwerk aller Kategorien frei ab 18 Jahren im Handel erhältlich und darf gezündet werden. Wer diese Feuerwerkskörper allerdings über die Grenze bringt, macht sich strafbar – und gefährdet massiv andere Menschen. „Stellen Sie sich vor, eine solche Explosion ereignet sich in einem Auto neben Ihnen im Stau“, warnt Zoll-Experte Poloczek bei der Testvorführung in Weißkeißel. Schon ein Schlag könne ausreichen, um eine versehentliche Explosion auszulösen, ein heruntergefallener Zigarettenstummel ebenso. Poloczek verweist auf Kontrollen, bei denen die Zollbeamten Autofahrern die Kippe aus dem Mund nehmen mussten, während die eine Kiste mit Feuerwerkskörpern öffneten.

Gefahren von Polenböllern: bekannt, aber gern ignoriert

Eigentlich sind diese Gefahren auch den meisten bekannt. Dennoch werden in jedem Jahr Menschen in Deutschland durch Raketen und Böller verletzt, zum Teil getötet, wird Höhenfeuerwerk ohne Erfahrung aus improvisierten Abschussvorrichtungen gezündet, zum Teil sogar auf die Straße geworfen. „Damit gefährden die Nutzer nicht nur sich, sondern oft genug auch andere Menschen“, warnt Sven Brenner, Leiter des Hauptzollamtes.

Selbst legal erworbene Böller und Raketen können gefährlich werden. Denn auch das falsche Hantieren damit kann den Fachleuten zufolge böse enden. Expertin Heidrun Fink vom BAM betont, dass Raketen keinesfalls aus der Hand abgefeuert und Böller nicht unkontrolliert geworfen werden dürften.

Weil leere Flaschen für den Raketenstart oft zu unstabil seien, stellt sie zur Anschauung eine Sektflasche für zusätzlichen Halt noch in eine Getränkekiste. „Nach dem Anzünden direkt in den Mindestabstand begeben!“, appelliert Fink. Dieser betrage bei Raketen, Batterien und Knallkörpern acht Meter. Ein Radius, der an Silvester in Städten selten zu sehen ist.

Gefahr für Kinder: Blindgänger ablöschen

Gerade Kinder verletzen sich auch jedes Jahr, weil sie Blindgänger aufheben, die dann unerwartet explodieren. Wer Raketen oder Böller zündet, sollte deshalb Blindgänger mit Wasser übergießen und hinterher alle Kracher und Raketen in einem Eimer voller Wasser einsammeln.

Mit Kindern unter sechs Jahren bleiben Eltern besser drinnen und beobachten das Spektakel vom geschlossenen Fenster aus. Im Freien sollten Kinder schwer entflammbare Kleidung aus Baumwolle tragen, also kein Synthetik-Gemisch und auch keine Kapuzenjacken oder -pullis, in denen sich Feuerwerkskörper verfangen können. Besser ist eine enganliegende Mütze. Auch ein Gehörschutz ist sinnvoll.

Oder man verzichtet gleich ganz. Unter dem Motto „Brot statt Böller“ ruft das evangelische Hilfswerk „Brot für die Welt“ wie in jedem Jahr zu Spenden auf. „Brot statt Böller ist eine Einladung an alle, denen Silvesterfeuerwerk eher Unbehagen bereitet, weil hier Millionen Euro im wahrsten Sinne des Wortes verpulvert werden“, sagt Cornelia Füllkrug-Weitzel, Präsidentin von Brot für die Welt. Die Idee: Statt Geld für Feuerwerk auszugeben, für Menschen in Not zu spenden. Füllkrug-Weitzel: „Die Freude, mit Menschen zu teilen, währt länger als das kurze Funkeln am Nachthimmel.“

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