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Von Fanatiker bis Verweigerer

Mit der Weiberfastnacht beginnt am Donnerstag vor Rosenmontag die heiße Phase des Karnevals.
Mit der Weiberfastnacht beginnt am Donnerstag vor Rosenmontag die heiße Phase des Karnevals. FOTO: dpa
Köln. Wer öfter Karneval feiert, kennt die Typen: den Grapscher, der nur die Kamelle will. Den Unverkleideten, der mit "Was mach ich hier eigentlich?"-Gesichtsausdruck am Straßenrand steht. Christoph Driessen

Oder den Fanatiker, bei dem die Bläck Fööss ganzjährig laufen. Hier eine Typologie:

Der Fünf-Tage-Clown. Immer wieder kann man erleben, wie gerade die gehemmtesten und humorlosesten Typen während der Karnevalszeit völlig aus der Rolle fallen. Ihr Motto: Heute feiern, morgen wieder in der Reihe tanzen. Die kalendarisch vorgeschriebene Witzischkeit hält exakt fünf Tage an.

Der Sitzungsfetischist. Wenn er eine Überzeugung hat, dann die, dass Karneval ohne Mützenzwang Anarchie ist. Deshalb achtet er nicht nur bei sich selbst auf die peinliche Einhaltung der Kleidungsvorschriften, er hat auch auf andere Vereinsmitglieder ein wachsames Auge.

Der Verweigerer. Er lebt zwar in Köln, Mainz oder Düsseldorf, erweist sich aber als nicht karnevalisierbar und flieht spätestens an Weiberfastnacht in die Eifel. Sein Karnevalsmotto: "Der Trick ist, dass man sich verpisst, bis wieder Aschermittwoch ist."

Der Unverkleidete. Anders als der Verweigerer nimmt er zwar am Karneval teil, signalisiert aber die ganze Zeit über, wie ätzend er es findet. Beim Rosenmontagszug erkennt man ihn daran, dass er unverkleidet mit "Was mach ich hier eigentlich?"-Gesichtsausdruck am Straßenrand steht und sich selbst dann nicht bückt, wenn eine Schokoladentafel direkt vor ihm landet.

Der Grapscher. Er will nicht aufdrehen, sondern abräumen. Spannt dazu Schirme auf (erweiterte Fangfläche) und tritt dem Nachwuchs notfalls auf die Finger. Wenn der Rosenmontagszug zu Ende ist, hat er so viel Süßkram eingesammelt, dass er ihn kaum noch nach Hause schleppen kann. Dort wandert die Beute nach ein paar Wochen in den Müll.

Der Fanatiker. Karneval als Ersatzreligion - das gibt's durchaus. Klassische Biografie: Vater Sitzungspräsident, Mutter Karnevalsprinzessin, die Bläck Fööss liefen ganzjährig. Schlimmster Moment im Leben: Der Karnevalsfreitag, als ihm die Nasennebenhöhlen aufgestochen wurden und er sich den Rosenmontagszug im Fernsehen anschauen musste.

Der Normalo-Jeck. Gefühlte 90 Prozent der Rheinländer sind bekennende Pappnasen. Sie feiern mit - sind aber auch froh, wenn die Schnapsleichen wieder abgeräumt werden.

Zum Thema:
Fünfte JahreszeitMit der Weiberfastnacht oder Altweiberfastnacht beginnt in Deutschland die heiße Phase des Straßenkarnevals. Immer am Donnerstagvor Rosenmontag stürmen die Frauen die Rathäuser und übernehmen symbolisch das Regiment. Der "Wieverfastelovend", wie es auf Kölsch heißt, geht in der Tradition bis ins Mittelalter zurück. Besonders in Nonnenklöstern ging es hoch her. Bei Tage wurde "getanzt und gesprungen" und des Nachts, wenn die Äbtissin schlafen gegangen war, Karten gespielt. Ehefrauen verweigerten ihren Männern in der "verkehrten Welt" des Karnevals für kurze Zeit den Gehorsam. Der Brauch, den Männern die Krawatten abzuschneiden, kam dagegen erst nach 1945 auf.