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Tür aufhalten und pünktlich sein - Höflichkeit bleibt eine Zier

Stuttga. Alle wissen, wie es geht. Und die meisten schätzen es auch sehr, wenn das Gegenüber gewisse Benimm-Regeln kennt und nutzt. Doch gefühlt schwindet die Höflichkeit. Experten haben aber Hoffnung. Von Roland Böhm, dpa

Älteren einen Sitzplatz anbieten, Frauen die Tür aufhalten, pünktlich sein, Handy aus - die wichtigsten Regeln der Höflichkeit kennen alle. Und die Allermeisten schätzen sie auch, wie eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov zeigt. Trotzdem setzt sich der Eindruck fest, dass die Deutschen früher höflicher waren. Drei von vier Deutschen sind dieser Meinung. Gibt es überhaupt noch Hoffnung für die Höflichkeit? Sehr wohl, sagt der Karlsruher Pädagogik-Professor Jürgen Rekus. Der 64-Jährige sieht sogar Chancen für eine Renaissance des guten Benehmens.

Die Jugend stelle wieder die Sinnfrage, statt die Ellenbogen auszufahren. „Die Zeit in der jeder Betriebswirtschaft studierte, um möglichst viel zu verdienen, ist vorbei.“ Die ewige Frage „Rechnet sich das für mich?“ werde in den Hintergrund treten, sagt er voraus. Die Hoffnung sei durchaus da, dass die Menschen ihr Gegenüber nicht mehr vor allem als Konkurrenten betrachten.

Benimm-Regeln könne man lernen, sagt Rekus, was in der Geschäftswelt ohne Frage hilfreich sei. Mit der Höflichkeit als Einstellung sei es da schon deutlich schwerer. Gutes Benehmen sei aber nur dann gut, wenn darin auch eine Wertschätzung des Gegenübers zum Ausdruck komme.

DU ODER SIE? - Einfach duzen ist „ungewöhnlich“ und nicht richtig, sagt die Vize-Vorsitzende der Knigge-Gesellschaft und Trainerin für Business-Etikette, Linda Kaiser. Zumindest im Beruf. Dort obliege es grundsätzlich dem Chef, beziehungsweise dem Ranghöheren, das Du anzubieten, so Kaiser. „Es ist auch nicht unhöflich, das dann abzulehnen.“ Etwa wenn es der 60-jährigen Sekretärin unangenehm ist, den 30-jährigen Chef zu duzen. Wie die YouGov-Umfrage zeigt, kommt das ungefragte Duzen etwa vom Kellner bei den Älteren auch nicht gut an.

TÜR AUFHALTEN? - An der Tür entscheidet die Hierarchie, wie Kaiser sagt. Im Geschäftsleben zumindest halte immer der Rangniedere die Tür auf und nie der Chef selbst - egal ob Mann oder Frau.

LADYS FIRST? - Für Kaiser ist das eher eine „altmodische Regel“. Halte der Chef der Sekretärin doch die Tür auf, wolle er zeigen, dass er diese Regeln nach wie vor schätze. „Das hat dann auch was mit Selbstinszenierung zu tun: Wie möchte ich gesehen werden.“

SEHR GEEHRTER? - Es ist eine große Kluft zwischen „Sehr geehrter“ und „Hallo“ als Anrede in der E-Mail. Doch Kaiser rät, grundsätzlich mit der größten Höflichkeit einzusteigen und sich dann anzunähern. Vor allem in großen Unternehmen, wo der Vorgesetzte Zugriff auf den Mail-Verkehr habe, seien höfliche Umgangsformen besonders ratsam. Es spreche aber nichts dagegen, recht schnell beim „Hallo“ zu landen. Zumal heute viel mehr Mails hin- und herfliegen als früher Briefe.

PLATZ ANBIETEN? - Eine Verpflichtung gibt es nicht, sagt Kaiser. „Aber es ist natürlich immer eine nette Geste“, älteren Menschen oder Schwangeren einen Sitzplatz in der übervollen Bahn anzubieten.

„GESUNDHEIT“ SAGEN? - Ob man einem Geschäftspartner „Gesundheit“ wünschen sollte, wenn er niesen muss, hat sich laut Kaiser verändert. „Derzeit würde ich sagen: nein.“ Die Business-Etikette sage, dass sich der, der niesen musste, bei den Umstehenden entschuldigt. „Solche Regeln sind aber kein ehernes Gesetz“, sagt Kaiser. Wer das Bedürfnis habe, Gesundheit zu wünschen, dürfe das natürlich immer tun. Ähnlich verhalte es sich mit dem „Guten Appetit“, was beim Geschäftsessen verpönt sei, in der Familie aber natürlich verwendet werden dürfe.

ANSTOSSEN? - Gläserklingeln ist in dienstlichen Runden nicht mehr üblich, so Kaiser. Stattdessen erhebe der Gastgeber das Glas, schaue in die Runde und proste symbolisch zu. In gemütlicher Runde im Privaten spreche aber nichts dagegen. Kaiser rät: „Tun sie es.“

ENTSCHULDIGUNG? - Dass es streng genommen richtiger ist, höflich um Entschuldigung zu bitten, statt nur „Entschuldigung“ zu sagen, findet Kaiser nicht so entscheidend. „Das ist nun mal so im Sprachgebrauch drin“, sagt die Experten. „Der Gedanke zählt.“