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Tod im Pazifik – Seeleute sterben bei Fischfang

Das Fischereifabrikschiff "Dalnij Wostok" war bis 2014 unter dem Namen "Stende" für die Baltic Marine Fishing im Dienst.
Das Fischereifabrikschiff "Dalnij Wostok" war bis 2014 unter dem Namen "Stende" für die Baltic Marine Fishing im Dienst. FOTO: dpa
Petropawlowsk-Kamtschatski. Stürmischer Wind, eisige See - das sinkende Fischereischiff "Dalnij Wostok" reißt im russischen Pazifik Dutzende Seeleute in den Tod. Die schlimmste Tragödie seit Jahren bringt eine Debatte um Sicherheit und Profitgier in der Fischerei in Gang. Thomas Körbel und Ulf Mauder

Als die Fischer ihr Netz mit 80 Tonnen frischem Fang einziehen, geschieht die Katastrophe. Es geht rasend schnell für die 132-köpfige Crew der "Dalnij Wostok". Das Schiff hat seit Tagen Schlagseite, weil schon mehr als 1000 Tonnen Fisch in den Kühlkammern lagern. Der peitschende Wind in der stürmischen See vor der Küste der russischen Halbinsel Kamtschatka tut das Übrige. Die schwimmende und völlig überladene Fischfabrik kippt, sinkt binnen 15 Minuten. Panik an Bord. Keine Zeit, ein SOS-Signal zu funken. Es überleben nur 53 Seeleute - nicht einmal die Hälfte der Besatzung. Die meisten Fischer sterben im eisigen Wasser.

Es sind dramatische Szenen, die Moskauer Medien nach dieser schlimmsten Tragödie in der russischen Fischereiwirtschaft seit Jahren schildern. Augenzeugen und Experten äußern sich. Zwar wollen sich russische Ermittler auch am Freitag nicht festlegen bei der Unglücksursache. Sie gehen - wie oft bei Katastrophen im Riesenreich - von Verstößen gegen einfachste Sicherheitsvorkehrungen aus.

Der 48 Jahre alte Kapitän, so schreibt die Boulevardzeitung "Komsomolskaja Prawda", war wegen Trunksucht von seinem früheren Arbeitgeber entlassen worden. Auch er ist ums Leben gekommen. Das Blatt berichtet unter Berufung auf Zeugen, dass das Schiff nur 50 Tonnen Treibstoff in den Tanks gehabt habe - zu wenig, um für ein Gegengewicht zu sorgen. Der Kapitän habe die physikalischen Gesetze völlig missachtet, sagt der Fischereifachmann Wassili Welmeskin.

Die Familie eines Technikers berichtet, dass auf der 104 Meter langen "Dalnij Wostok" zusätzliche Kühlkammern eingebaut worden seien. Platz für viele weitere Tonnen Fisch auf dem Trawler, der noch aus Sowjetzeiten stammt. Nach dem Unglück gibt es zudem eine Vielzahl an Berichten über Pannen: zu viele Seeleute an Bord, zu wenig Rettungsboote.

Mit Fisch lässt sich viel Geld verdienen in Russland. Das Ochotskische Meer gehört zu den bedeutendsten für die Versorgung des Landes. Weil Russland wegen seiner Konfrontation mit dem Westen im Ukraine-Konflikt Lebensmittel aus der EU und den USA boykottiert, schnellen die Preise auch für Meeresprodukte in die Höhe.

Auf der "Dalnij Wostok" waren - wie auf vielen anderen Schiffen der Region - zudem Dutzende Billiglöhner im Einsatz, die 300 bis 400 Euro im Monat verdienen, heißt es in den Berichten. Die Seeleute kamen aus Myanmar, der Ukraine, dem Baltikum und vom Inselstaat Vanuatu im Südpazifik. Schiffe bringen nun die Überlebenden und die Leichen ans Festland. Am Dienstag werden sie auf der Insel Sachalin erwartet. Drei Männer waren am Donnerstag mit Hubschraubern in Krankenhäuser geflogen worden. Wegen des schlechten Wetters blieben das die einzigen Rettungsflüge. Auch am Wochenende wollen Einsatzkräfte mit Flugzeugen und Schiffen die Suche nach 13 Vermissten fortsetzen. Hoffnung, sie lebend zu finden, gibt es jedoch nicht.