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Tankred Dorst . . . war ein großer Sammler von Geschichten

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Über den "entsetzlichen Zustand der Welt" hat sich Tankred Dorst nie Illusionen gemacht. "Das Heillose ist für den Dramatiker segensreich, da es ihn mit Stoff versorgt", sagte der Stückeschreiber einmal.

Und so war ihm die Welt mit ihren Mythen und Märchen, ihren Visionen und Konflikten ein schier unerschöpflicher Fundus für seine Theaterarbeit. Am Donnerstag ist der große Geschichtensammler mit 91 Jahren in seiner Wahlheimat Berlin gestorben.

Mehr als 50 Stücke hat Tankred Dorst in den vergangenen 50 Jahren geschrieben - einer der wichtigsten und produktivsten Autoren des deutschen Gegenwartstheaters. Bis zuletzt ließ er sich, leise und hochinteressiert, bei literarischen Ereignissen in der Hauptstadt sehen.

Sein Meisterwerk ist bis heute das Antikriegsstück "Merlin oder Das wüste Land", das 1981 am Düsseldorfer Schauspielhaus Premiere feierte. Die Neuauflage der Artus-Sage um den Zauberer und Teufelssohn Merlin ist mit ihren fast 400 Seiten, 97 Szenen und bis zu zehn Stunden Aufführungsdauer eine Herausforderung für jeden ambitionierten Theatermacher. "Ein grandioser Weltuntergangsentwurf wie Wagners ,Ring'", befand "Die Zeit".

Weltuntergang - das ist früh Dorsts Lebensthema. Der Vater, ein Fabrikbesitzer aus dem thüringischen Oberlind, stirbt, als der Junge sechs ist. Mit 17 wird er kurz vor Kriegsende an die Westfront geschickt und gerät für mehrere Jahre in amerikanische Gefangenschaft. Zurück in der Heimat ist er entwurzelt und orientierungslos, bis während des Studiums die Arbeit an einem Münchner Marionettentheater für Erwachsene die Wende bringt.

Schon bei seinem ersten großen Stück "Die Kurve", 1960 in Lübeck uraufgeführt, wird der Westdeutsche Rundfunk aufmerksam. Kurz darauf beginnt die langjährige, produktive Zusammenarbeit mit Peter Zadek, einem "jungen Genie aus London", wie der Verlag damals sagt. Werke wie "Toller", "Eiszeit" und "Auf dem Chimborazo" kommen auf die Bühne, später folgen etwa "Korbes", "Karlos" und "Herr Paul". Auch Filme wie "Klaras Mutter" und "Eisenhans" entstehen.

"In unseren Dezennien", sagte Laudator Georg Hensel 1990 bei der Verleihung des Georg-Büchner-Preises, "hat kein anderer deutscher Stückeschreiber so viele Tonarten, eine solche Orgelbreite: sentimental, treuherzig, tollpatschig, gefühlvoll, humorvoll, ironisch, sarkastisch, zynisch-ordinär, hundsgemein - und immer taghell."

Schwarzer Faden bleibt durch die unterschiedlichsten Formen und Themen hindurch das Scheitern des Menschen an seiner Utopie. Seit Anfang der 70er-Jahre war die um 15 Jahre jüngere Drehbuchautorin und Regieassistentin Ursula Ehler Dorsts Alter Ego. Sie wurde seine Frau - und bei den meisten Werken auch seine Koautorin.

Nada Weigelt