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"Spezialistin für den Hass"

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"Ich verspüre eigentlich mehr Verzweiflung als Freude", sagte Elfriede Jelinek 2004 zur Verleihung des Literaturnobelpreises. Ihre Reaktion war der Rückzug aus der Öffentlichkeit. dpa/kr

Auch zum 70. Geburtstag der scheuen österreichischen Autorin, die in ihrer Heimat lange umstritten und für viele geradezu eine Hassfigur war, ist das an diesem Donnerstag nicht anders. Filme, TV-Sendungen, ein Symposium mit dem Titel "Nestbeschmutzerin und Nobelpreisträgerin" drehen sich um das Werk, aber ohne Auftritt der Frau, die als studierte Organistin die Musik mindestens so liebt wie das Schreiben.

Lange hatte die Feministin vor allem mit dem Muff und Mief in Österreich, dem Kapitalismus mit seinen verheerenden Folgen auf die menschlichen Beziehungen und mit der Kälte der Gesellschaft der Alpenrepublik abgerechnet. Seit einigen Jahren wendet sich die "Spezialistin für den Hass", so einst die Literaturkritikerin Sigrid Löffler über Jelinek, mit ihrem Zorn, ihrer Leidenschaft und Streitlust globalen Themen zu.

"Der Blick hat sich verlagert", sagt Pia Janke, Leiterin der an der Universität Wien angesiedelten Forschungsplattform Elfriede Jelinek. Der Terror der Gotteskrieger und Selbstmordattentäter ist zentrales Element des jüngsten Stücks "Wut", das laut Verlag in mindestens 15 Inszenierungen auf die Bühne gekommen ist oder in Kürze kommen wird.

Mit ihren Themen habe Jelinek geradezu "seismografische Fähigkeiten" bewiesen, meint Janke. Die deutschsprachige Gesamtauflage liegt dem Rowohlt-Verlag zufolge bei 1,5 Millionen Exemplaren. Bestseller sind der Anti-Porno "Lust" ("So steht die Frau still wie eine Klomuschel, damit der Mann sein Geschäft in sie hineinmachen kann.") und der Roman "Die Klavierspielerin". Ihr Werk wurde in mehr als 40 Sprachen übersetzt. Ein roter Faden sind die aus Jelineks Sicht "allgegenwärtigen männlichen Herrschafts- und Gewaltverhältnisse". Die Bücher und Texte sind nichts für Schnell-Leser. Im Zentrum steht immer die Sprache, die Sprachbefragung, die Spracharbeit, die Sprachkritik, nie die Handlung. .

Jelinek ist seit 1974 mit einem Informatiker und Filmkomponisten aus Bayern in einer "Einzelgänger-Ehe" verheiratet.