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| 17:53 Uhr

Unter- und Überirdisches in Thüringen
Skurrile Figuren über Geras Unterwelt

Ein Blick auf den Weihnachtsmarkt in Gera vom Rathausturm aus. Mit dem roten Punkt gekennzeichnet: Das Geschäft Tête à Tête mit den skurrilen Figuren an der Hausfassade.
Ein Blick auf den Weihnachtsmarkt in Gera vom Rathausturm aus. Mit dem roten Punkt gekennzeichnet: Das Geschäft Tête à Tête mit den skurrilen Figuren an der Hausfassade. FOTO: Frank Hilbert
Gera/Cottbus. Die Cottbuser haben in der Sprem ihren Teufel und die Geraer eine frivole Madame Georgette samt einem ebenso freizügig gestalteten Steakesser. Beides mitten in den beiden Innenstädten unweit deren Marktplatzes. Aber Gera hat noch etwas darunter. Von Frank Hilbert

Der Luzifer reckt seinen Schwanz an der Hausfassade in Cottbus schwungvoll in die Höhe und präsentiert dabei seine Männlichkeit in voller Pracht. Die Cottbuser haben sich längst an diese Freizügigkeit des Gehörnten mit einem Huf gewöhnt. Horst Engelhardt aus Wriezen hat die Plastik einst in den letzten Jahren der DDR erschaffen.

Ein Hingucker in der Cottbuser Sprem: der Teufel an der Hausfassade.
Ein Hingucker in der Cottbuser Sprem: der Teufel an der Hausfassade. FOTO: Frank Hilbert

Die Figuren in Gera indes schmücken das Geschäft Tête à Tête, ein seit 15 Jahren bestehender Laden in einem der ältesten Häuser am Marktplatz der Stadt. Im Angebot sind Tee, Wein, Whisky, Feinkost und Spezialitäten aus aller Welt. Wie Inhaber Thomas Heinig der RUNDSCHAU verriet, habe seine Frau Brit die skurrilen, grotesken Figuren, zu denen auch noch ein Teetrinker im Hof gehört, bei der Chemnitzer Künstlerin Katja Byhan Radewagen einst in Auftrag gegeben.

Doch diese seien nicht die einzige Besonderheit dieses Hauses. „Unser Haus blickt auf eine lange Geschichte zurück. Die älteste Erwähnung wird mit 1602 angegeben. Beim großen Stadtbrand von 1780 brannte es bis auf das erste Obergeschoss nieder und wurde doch wieder aufgebaut“, erzählt Thomas Heinig. Im Jahr 2003 haben er und seine Frau das Haus von der Treuhandliegenschaftsgesellschaft erworben.

Madame Georgette und der SteakesserFOTO: Frank Hilbert

Wie in vielen der alten Gebäude im Geraer Stadtzentrum befindet sich darunter ein Höhler. „2004 wurde mithilfe des städtischen Höhlervereins unser Höhler mit der Nummer 128 wieder freigelegt. Insgesamt sieben Tonnen Aushub wurden ans Tageslicht befördert. Unser Höhler befindet sich 8,70 Meter unter der Erde, er ist 1,80 Meter hoch und 1,20 Meter breit. Das Gesamtvolumen beträgt 73 Kubikmeter“, sagt der Geschäftsmann.

So wurden einst die Höhler in Gera angelegt.
So wurden einst die Höhler in Gera angelegt. FOTO: Quelle: G. Meier / Höhlerverein Gera

Und auf noch etwas Besonderes machen die Eigentümer in der Vorweihnachtszeit mit Dankeschön-Plakaten am Haus aufmerksam: Tochter Lisa Angermann wurde vor wenigen Tagen, am 6. Dezember, Siegerin der Sat1-Kochshow „The Taste“. Ein Preisgeld von 50 000 Euro ist unter anderem ihr Lohn.

Am Geschäft Tête à Tête in Gera bedanken sich die Eltern mit diesen Plakaten für die Unterstützung ihrer Tochter bei der Sat1-Kochshow "The Taste".
Am Geschäft Tête à Tête in Gera bedanken sich die Eltern mit diesen Plakaten für die Unterstützung ihrer Tochter bei der Sat1-Kochshow "The Taste". FOTO: Frank Hilbert

Höhler werden in Gera jene Keller genannt, die vom 16. bis 19. Jahrhundert als tiefliegende Wirtschaftskeller unter den eigentlichen Kellern in einer Tiefe zwischen fünf und acht Metern angelegt wurden. „Das Höhlersystem der Stadt Gera ist eine kultur-historische Besonderheit und touristische Attraktion. Die mehr als 230 Höhler wurden durch Berg-
leute angelegt, um dort Bier zu lagern“, sagt Wieland Kögel, 2. Vorsitzender des Vereins zur Erhaltung der Geraer Höhler.

Ein Höhler-Fassbier-Lagerraum in der Greizer Straße 13 in Gera.
Ein Höhler-Fassbier-Lagerraum in der Greizer Straße 13 in Gera. FOTO: Höhlerverein Gera

„Entsprechend des Geraer Brauprivileges durchzogen die an die Bürgerhäuser angebundenen Höhler ohne Beachtung der Grundstücksgrenzen die gesamte Altstadt. Insgesamt über eine Länge von rund neun Kilometern. Eine Vielzahl von Höhlern ist inzwischen wieder zugängig“, sagt Wieland Kögel. Bier galt seinerzeit als Nahrungsmittel. Getrunken wurde nur ein leichtes Bier. Ausgereifte Lagerbiere seien noch mit Wasser verdünnt worden. 1853 seien 221 Häuser brauberechtigt gewesen. Diese Zahl sei in etwa identisch mit der in Gera festgestellten Höhler.

„Während des Zweiten Weltkriegs dienten die Höhler auch als Luftschutzbunker. Dazu wurden die meisten durch Kriechgänge miteinander verbunden“, sagt Wieland Kögel. Nach dem Krieg sei das Interesse erloschen und erst im Zusammenhang mit der innerstädtischen Neubebauung und Rekonstruktion erwacht, aber nicht nur zum Nutzen der Geraer Höhler. Wie der Verein informiert, sei in den Jahren 1975 bis 1980 eine fast flächendeckende Vermessung und Bewertung der Höhler erfolgt, „aber durch eine mangelhafte Beachtung der Höhlerproblematik durch die bauausführenden Betriebe auch die teilweise unsachgemäße Abdämmung und Liquidation von erhaltenswerten Höhlern“.

Nachts vorm Museum: Der Eingang zum Naturkundemuseum im Geraer Nicolaiberg 3.
Nachts vorm Museum: Der Eingang zum Naturkundemuseum im Geraer Nicolaiberg 3. FOTO: Frank Hilbert

Mit der Eröffnung des Höhlerrundganges unter dem Steinweg im Jahr 1987 seien die Höhler für Gera öffentlich und für alle Geraer wieder ein Sinnbild der Geschichte und Identifikationsmöglichkeit mit ihrer Stadt geworden. Der wachsende Besucherstrom belege dies eindeutig. Nach der Wiedervereinigung sei durch öffentliche und Sponsorenmittel die Möglichkeit geschaffen worden, einen weiteren Teil der Höhler im Naturkundemuseum auszubauen.

Seit 2003 findet in den Höhlern auch eine Biennale statt. Die diesjährige stand unter dem Motto „Schattenwelt“. Künstler präsentierten dazu ihre Installationen unter der Stadt. Ein Teil der Höhler ist heute über das Naturkundemuseum begehbar.